Per Trystero hat Compañero M. die folgenden Anmerkungen zu Thomas Weissers notorischem Buch Spaghetti Westerns. The Good, the Bad and the Violent. A Comprehensive, Illustrated Filmography of 558 Eurowesterns and Their Personnel, 1961–1977 (Jefferson/NC: McFarland & Company, 1992) übermittelt, welches lange Zeit als Standardwerk zum Italowestern galt. Zumindest so lange, bis eine größere Anzahl der von Weisser besprochenen Filme einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde und sich herausstellte, dass seine Informationen nicht immer ganz, äh, zuverlässig waren … gelinde ausgedrückt …

Die Guten, die Schlechten und die frei Erfundenen (1)

Lieber W.,

bisher hält Lügenbaron Weisser, was sein Ruf verspricht. Zwei kurze Beispiele:

1. Seine Inhaltsangabe von Edoardo Mulargias La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io (Italien, Spanien 1969) deckt sich in keinem einzigen Punkt mit den gezeigten Geschehnissen. Er schreibt:

»In diesem Film erzählt Muller [d. i. Mulargia] die Geschichte eines Kopfgeldjägers (Robert Woods), der den Auftrag übernommen hat, einen Gesetzlosen lebend zu fassen. Bedauerlicherweise ist er jedoch gezwungen, den gesuchten Mann zu erschießen. Das Ende ist höchst ironisch und befriedigend. Es lohnt das Warten.«

Tatsächlich spielt Woods einen potomanischen, abgehalfterten Revolverstar, der um einen Neubeginn ringt. »El puro« nennt man ihn (wohl nicht aufgrund seiner Reinheit, sondern seiner »cigarros«), und auf seinen Kopf steht eine Belohnung, ein hübsches Sümmchen, das nicht weniger als fünf Galgenstricke (Marc Fiorini, den Irren; Aldo Berti, den Doofen; Mario Brega, den Dicken; Maurizio Bonuglia, den Naiven; und einen Intellektuellen) sehr motiviert, ihn ins große Dortdrüben zu befördern. Nachdem die Strolche »el puros« Fahrschein ins gute Leben (regelmäßige Beilager und Mahlzeiten, hypothekenfreie Ranch aus Eigenmitteln) in Person von Animierfrau Rosie (Rosalba Neri) eliminiert haben, schwört dieser dem Dämon Feuerwasser ab und Rache. Es war zu ahnen, der Naive, der Doofe, der Dicke und dann der Irre weisen rasch mindestens eine Körperöffnung mehr auf. Bloß hat sich der Intellektuelle, die miese Ratte, bereits ein halbes Stündchen zuvor aus der Story gestohlen, und als »el puro« in den letzten Augenblicken des Filmes Livorno entgegenreitet, taucht die tückische Brillenschlange wieder auf und knallt ihn aus dem Hinterhalt ab: »peng« und »fine«.

2. Auch Schauspieler bleiben vor Weissers Fantastereien nicht verschont, schmutzigen im Fall von Herbert Fux, dessen Nachname »offensichtlich ein zotiges Pseudonym« sei. Harhar, Hörbert fucks, genial.

Du siehst, für vergnügliche Lektüre ist gesorgt.

Viele Grüße

M.

Die Guten, die Schlechten und die frei Erfundenen (2)

Lieber W.,

neues Garn aus Thomas Weissers Nähkästchen.

3. In seiner Beschreibung von Carlo Lizzanis Requiescant (Italien, BRD 1967), einem Film, den er zumindest gesehen haben dürfte, findet sich Erstaunliches:

»Dieser Western ist viel unwirklicher, wunderlicher und grausamer als Carlo Lizzanis voriger Film, Eine Flut von Dollars [Un fiume di dollari, Italien 1966]. Daher gibt es Spekulationen, dass die Mitarbeit von Pier Paolo Pasolini (einem frivol-devianten Regisseur, bekannt für seine anrüchigen, sexy Kunstfilme, darunter Die 120 Tage von Sodom [Salò o le 120 giornate di Sodoma, Italien, Frankreich 1975], Decameron [Il Decameron, Italien, Frankreich, BRD 1971], Pasolinis tolldreiste Geschichten [I racconti di Canterbury, Italien, Frankreich 1972] etc.) über seine darstellerische Rolle hinausging.«

Salò … sexy? Hier hofft man sogar, Thomas Weisser möge diesen Film nie gesehen haben (die beiden weiteren Adjektiva, mit denen er Pasolini und dessen Werk belegt, sind ebenso jenseitig: »kinky« und »sleazy«).

4. Weissers Synopse von Tanio Boccias La lunga cavalcata della vendetta (Italien 1972) dürfte als Grundlage einzig und allein den englischen Titel des Films haben: Deadly Trackers. Dieser wiederum intendiert wahrscheinlich eine Verwechslung mit Barry Shears The Deadly Trackers (USA 1973). In Boccias Western spielt Richard Harrison die Hauptrolle, in Shears Richard Harris.
La lunga cavalcata della vendetta erzählt jedenfalls vom Exsoldaten Jeff Carter (Harrison), der 1865 aus Kriegsgefangenschaft nach New Mexico zurückkehrt, wo er und seine Schwester Deborah (Dada Gallotti) eine Ranch besitzen. Allerdings kommt es zu keinem freudigen Familienwiedersehen, denn kurz vor Jeffs Ankunft wird Deborah beraubt, vergewaltigt, getötet. Der ehemalige Konföderationsarmist nimmt nun Rache: Einen nach dem anderen killt er die fünf verantwortlichen Schurken, gleich zu Beginn des Films den Überfalotten Montana (Ri[c]k Battaglia), der sich Saloonschönheit Miss Jane (Anita Ekberg) als Eheweib gekauft hat. (Diese wesentliche Konfrontation ganz an den Anfang zu stellen – und damit die restliche Erzählung zur Rückblende zu machen – ist nur eine von vielen missratenen Nichtideen Boccias, der sich für diese Arbeit klugerweise des Decknamens Amerigo Anton bediente.)
Kein allzu komplexer Plot, könnte man meinen, Bruder rächt Schwester, Ort (New Mexico) und Zeit (1865) der erzählten Geschehnisse werden sicherheitshalber vor der ersten Szene fett eingeblendet. Thomas Weisser:

»Es ist die altbekannte Geschichte eines Siedlertrecks, der von einem schneidigen Führer, James Luke (Harrison), durch die Wildnis Wyomings geleitet wird. Natürlich verliebt er sich in Anita Ekberg.«

Schönen Sonntag!

M.

Die Guten, die Schlechten und die halb Erfundenen (1)

Lieber W.,

als besonders perfide erweisen sich Weissers Filmtexte, die Faktisches mit Erfundenem vermischen. Ein gutes Beispiel ist jener zu Mario Gariazzos Il giorno del giudizio (Italien 1971):

»Hier haben wir es mit einer britisch-italienischen Koproduktion zu tun […]. Leider nur ein ›Rache für ermordete Familie‹-Routinefilmchen, ähnlich wie viele andere. Ty Hardin ist ›der Fremde‹, der die sechs Männer jagt und tötet, die seine Frau (Rosalba Neri) und sein Kind umgebracht haben. […] Der gesamte Film wurde in Spanien und Italien gedreht.«

Wahr ist, dass Ty Hardins Figur tatsächlich die Mörder ihres Sohnes und ihrer Gattin zur Strecke bringt. Die restlichen Informationen sind Fabrikationen Weissers. Weder Vor- und Abspann noch der Archivio del Cinema Italiano der ANICA wissen von einer britischen Beteiligung. Vielleicht hat Thomas Weisser sich vom englischen Namen der (im Übrigen einzigen) Produktionsfirma, Times Film Production, in die Irre führen lassen.
Der unsympathische Ty Hardin spielt auch nicht »den Fremden«, sondern einen aus dem Sezessionskrieg zurückgekehrten Offizier der Union, der sich, um unerkannt seine Rachepläne zu schmieden, als Allen Ginsberg (in seiner Hippiephase) verkleidet. Ansonsten trägt Hardin, der dynamisch wie ein gichtbrüchiger Opa agiert, stets eine schwarze Regenpelerine, obwohl es den ganzen Film über nicht einmal nieselt.
Wie Weisser auf sechs getötete Männer kommt, ist rätselhaft. Hardins Rache fallen weitaus mehr Schurken zum Opfer, bei 15 habe ich zu zählen aufgehört. Besonders schwer machen sie es ihm auch nicht: So wählt eine Kanaille während eines Schusswechsels als Deckung die Speichen eines Wagenrades (gutes Denken), eine andere umwickelt in einer Verfolgungsszene, die in einem Wäldchen auf moosigem, weichem, lautlosem Untergrund spielt, die Hufe ihres Pferdes mit Tüchern (besseres Denken).
Gedreht wurde Il giorno del giudizio auf dem Elios-Films-Gelände in der Nähe von Rom. Spanischen Boden, wie Thomas Weisser behauptet, hat kein Mitglied des Drehteams während dieser Produktion betreten.

Viele Grüße

M.

Die Guten, die Schlechten und die halb Erfundenen (2)

Lieber W.,

Thomas Weisser bringt mal wieder alles durcheinander:

Nur einen einzigen Grund gebe es, sich Monta in sella, figlio di …! (Italien, Spanien 1972) von Tonino Ricci anzusehen, und dieser sei »die schöne Rosalba Neri. Sie spielt die Zockerin Agnes, Komplizin von Kansas Lee (Mark Damon). Die beiden tun sich mit Sam (Alfredo Mayo) und dem Kopfgeldjäger Deam [sic!] (Stan Cooper) zusammen, um einem geheimnisvollen Blinden namens Felipe (Luis Marin) zu helfen, dem bösen Banditen El Supremo sein Goldvermögen zu stehlen. Am Ende stellt sich heraus, dass Felipe gar nicht blind ist, und er versucht (vergeblich), seine Partner zu hintergehen.«

Auch hier fabriziert Weisser eine wüste Gemengelage. Der Teufel steckt in den Details. Agnes (Rosalba Neri) ist schön, das stimmt, allerdings nicht die Partnerin von Kansas Lee (eine Figur mit diesem Namen tritt gar nicht auf), sondern ihres »Onkels« (Alfredo Mayo). Die beiden sind steckbrieflich gesuchte Sprengstoffspezialisten und nun als Pokerbetrüger untergetaucht. Mark Damon spielt Dean, den älteren der Madison-Brüder, die ebenfalls in Konflikt mit dem Gesetz stehen. Mord, Raub, Verrat und andere Vergehen wirft man ihnen vor. Als Sam Madison (Stan Cooper, d. i. Stelvio Rosi) nach einem misslungenen Banküberfall in Denver gehenkt werden soll, holt ihn sein Bruder Dean mit unfreiwilliger Hilfe von Agnes und ihrem »Onkel« vom Galgen. Auf der Flucht geraten die vier an Felipe (Luis Marín), einen blinden Mexikaner, der mit ihnen einen Goldschatz stehlen möchte. Dieser befindet sich jenseits der Grenze und in Besitz eines korrupten »gobernador«, genannt »el supremo« (Giancarlo Badessi). Der Raub gelingt, Felipe ist, wie Weisser richtig schreibt, gar nicht blind, vielmehr Revolutionär und nimmt die Beute im Namen des mexikanischen Volkes in Besitz. Allerdings war »Onkelchen« schlau genug, zuvor einiges des Schatzes in seinen Taschen verschwinden zu lassen, sodass letzten Endes niemand leer ausgeht.

Das ergibt Folgendes:
• »Sie spielt die Zockerin Agnes, Komplizin von Kansas Lee (Mark Damon)«: falsch; Damon spielt Dean Madison; Agnes ist die Partnerin ihres »Onkels«.
• »Die beiden tun sich mit Sam (Alfredo Mayo) und dem Kopfgeldjäger Deam [sic!] (Stan Cooper) zusammen«: total daneben; Mayo spielt Agnes’ »Onkel«, Sam hingegen heißt der Bruder von Dean Madison; »Deam« soll wohl Dean sein, richtig wäre Sam, der allerdings kein Kopfgeldjäger, sondern im Gegenteil ein Gesetzloser ist.
• »dem bösen Banditen El Supremo«: kein Bandit, sondern mexikanischer Gouverneur.
• »Felipe versucht (vergeblich), seine Partner zu hintergehen«: gelingt ihm auch.
Und Weissers Blödsinn steht bis heute auf IMDb.com.

Die missglückte Synopse könnte man mit gutem Willen Weissers schlechtem Erinnerungsvermögen zuschlagen, seine Bewertung von Regisseur Ricci ist jedoch völlig abenteuerlich und lässt wieder Zweifel aufkommen, ob er Monta in sella, figlio di …! wirklich gesehen hat. Er schreibt nämlich:

»In der Ehrenhalle des Spaghettiwesterns ist für Filmemacher Tonino Ricci ein spezieller Platz reserviert, und zwar in der Abteilung ›schlechtester Regisseur überhaupt‹. Nicht einmal das exzessive Flair eines liebenswerten Stümpers wie Miles Deem [d. i. Demofilo Fidani] hat er. […] Abgesehen von seiner statischen Kameraführung – ja nicht bewegen –, sind seine Geschichten auch irrsinnig kindisch. […] Ein Tonino-Ricci-Film ist eine ermüdende und öde, doch auffällige Angelegenheit.«

Zugegeben, Ricci ist nicht Visconti, aber auch nicht der schlechteste Italowesternregisseur, zumal er neben Monta in sella, figlio di …! (Weisser gibt 1967 als falsches Veröffentlichungsdatum an) im Grunde keinen »richtigen« Western gedreht hat: Storia di karatè, pugni e fagioli (Spanien, Italien 1973) ist eine Komödie, ebenso Kid il monello del west (Italien 1973); Zanna bianca alla riscossa (Italien 1974) eine Wolfsblut-Fortsetzung; und Buck ai confini del cielo (Italien 1991) und Buck e il braccialetto magico (Italien, USA 1999) sind Kinderfilme – um jene Ricci-Arbeiten anzuführen, die man im weitesten Sinn dem Westerngenre zuordnen könnte.
Monta in sella, figlio di …! ist ein flottes Filmchen, gar nicht statisch, mit ein paar netten Einfällen, einem passablen Ensemble, nix Aufregendes, guter Spaghettiwesterndurchschnitt. Natürlich sieht man dem Film an, dass er eine Wenig-bis-gar-kein-Budget-Produktion ist. Damit steht er allerdings innerhalb dieses Genres beileibe nicht allein da. Weissers Totalverriss ist ungerecht. In Bezug auf die Neri bin ich allerdings ganz seiner Meinung: Die hat selten schicker ausgesehen als in diesem augenzwinkernden Western und ist tatsächlich Grund genug, ihn sich anzuschauen.

Viele Grüße

M.

PS: Tony Musante (Paco Román in Corbuccis Il mercenario) ist gestorben.

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