Proverbs for Paranoids, 3: If they can get you asking the wrong questions, they don’t have to worry about answers.

Building Stories

Chris Ware - Building Stories

“He loved you so much and I just wish he could see how happy you are now, that’s all …” — “Mom, oh, Mom …” — “He loved you so much.” — “… and the awful part is that she’s right … I really am happy … finally. I am happy.”

Diese Momente des Glücklichseins sind im Leben sowieso selten und flüchtig genug, aber bei Chris Ware kannte man sie bis jetzt gar nicht.

Ursprünglich erschienen Comics in Form von Strips in Zeitungen, 1933 wurde dann das erste Comicheft, so wie wir es bis heute kennen, herausgegeben, in den 1960er-Jahren gab es schließlich die ersten buchähnlichen Veröffentlichungen, und jetzt kommt Chris Ware daher und bringt sein neuestes Werk in Form einer Puzzleschachtel heraus.

Da schon seine davor erschienenen Comics alles andere als gewöhnlich in ihrer Aufmachung waren, musste man eigentlich mit irgendeiner diesbezüglichen Überraschung rechnen, aber ein mit Heften, Büchern, einem Spielbrett, Zeitungen, Foldern – insgesamt 14 Teilen – gefüllter Karton ist dann doch zumindest exzentrisch. Für den Verlag (Pantheon Books) muss dieses Projekt übrigens, so vermute ich, ein Horror gewesen sein; sind doch die Radikalität und der Perfektionsanspruch von Chris Ware legendär: So soll er Fantagraphics Books, wo seine Acme Novelty Library erschienen war, vor ein paar Jahren den Rücken gekehrt haben, weil man sich erdreistet hatte, eine Banderole an einem seiner Werke anzubringen, die nicht mit dem Meister akkordiert war.

Doch zurück zu Building Stories: Da stand ich also, hielt eine Puzzleschachtel in der Hand und staunte zunächst einmal. Nach vorsichtigem Annähern und Abtasten des Objekts (man stelle sich Kubricks 2001 vor) öffnete ich schließlich die Schachtel und war ob der Vielfalt der Formate, die diese Büchse enthielt, überwältigt und gespannt. Und vorweg: Wahnsinn!

Die Geschichten drehen sich um ein Mietshaus in Chicago und seine Bewohner; das sind im Erdgeschoß die schon sehr alte Eigentümerin des Hauses, im ersten Stock ein Ehepaar und im zweiten Stock die eigentliche Hauptfigur, eine alleinstehende, namenlos bleibende Frau.

Die 14 Teile von Building Stories können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Die Zusammenhänge und Verkettungen der einzelnen Schicksale erschließen sich dem aufmerksamen Leser unabhängig von den Zeitläuften und sind dabei so subtil und geschickt gesponnen, dass sie immer in mehrere Richtungen und aus mehreren Blickwinkeln funktionieren. Im Mittelpunkt sämtlicher Handlungen steht der Verlust in all seinen Varianten und Qualitäten, Verlust der Liebe, eines Beines, eines Haustieres, der Unschuld, des Lebens, des Vertrauens.

Wer jetzt denkt: »Puh, scheint ja kein Honiglecken zu sein, die Lektüre«, dem sei gesagt: »Au contraire, mon frère!« Es gibt diesmal – und das ist neu bei Chris Ware – auch Momente der Hoffnung, des stillen Triumphs und der Freude. Und das macht das Lesen dieser Geschichten zu einem ungeheuerlichen Genuss. Absolute Pflichtlektüre!

Das haben auch die Juroren der Eisner Awards 2013 so gesehen und Ware für Building Stories bei der San Diego Comic-Con gleich viermal ausgezeichnet: »best writer/artist«, »best letterer/lettering«, »best new graphic album«, »best publication design«.

Leave a Reply

drei × vier =