It all goes along together. Parallel, not series. Metaphor. Signs and symptoms. Mapping on to different coordinate systems.

In Rafael Romero Marchents Western Garringo (Spanien, Italien 1969; deutscher Titel: Garringo – der Henker) jagt ein gewalttätiger Leutnant in Zivil einen traumatisierten Mordbuben, der zu tief in die Sonne geschaut hat. Und Doc Grayson will eine Farm kaufen.

Der Junge Johnny lebt in einer Höhle … mit seinem Vater, einem Offizier … der muss sich verstecken. Reiten fünf Kavalleristen heran, Johnny ahnt Böses, will den Vater warnen. Der säuft. Hochverrat legen die Soldaten ihm zur Last. Er zieht seine Pistole … viel zu langsam. Der Feldwebel des Trupps ist schneller. Die Epauletten reißt er dem Toten als endgültige Entwürdigung vom Waffenrock … vor Johnnys Augen … Und jetzt sieht der Junge sie für immer: die tote Sonne.

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Johnny rennt. Rennt. Johnny fällt … und wird gefunden. Sein Pflegevater bringt ihm das Schießen bei … das Sonnenblut das Töten.

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Und Johnny wird zum Anti-Ikarus.

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Als junger Mann verlässt er seinen Ziehvater und dessen Tochter. Umgibt sich mit üblen Gesellen und tötet so viele Offiziere, wie er nur kann. Verbindet das Verbrecherisch-Nützliche mit dem Wahnhaft-Obsessiven. Als er nach vier Jahren in die Stadt seiner Kindheit und Jugend zurückkehrt …

THIS IS BELLS CITY
YOU BETTER RETURN IF
YOU DON’T HEAR IT

… ist Johnny ein Räuber und paranoider Mörder.

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So stattet Rafael Romero Marchent den Antagonisten in seinem Garringo psychologisch aus; einen zerfressenen Mann führt er uns vor. Als Johnny die Erschießung seines Vaters sehen muss, verwischt Romero Marchent von den Rändern her den Blick des Kameraauges – die eingetrübte Weltsicht des besessenen Killers in spe. Die traumatische Kontinuität von Kindheit zu Erwachsenenalter zeigt er durch einen perfiden Schnitt: Als Junge schießt Johnny auf blaue Spielzeugmännchen, vollzieht dabei eine Drehbewegung, und nun ist er ein Mann, der blau uniformierte Soldaten aus Fleisch und Blut tötet.

Fangen soll den irren Johnny (Peter Lee Lawrence) der titelgebende Protagonist, Lieutenant Garringo (Anthony Steffen) – gerade und eigens aus dem Militärarrest entlassen –, der sich mit ruchloser Brutalität an die Erfüllung seiner Mission macht. Er presst aus einem Telegrafisten (Mario Morales), einem »upstairs girl«, Sarah (Rossana Rovere), und deren Macker Ted (Tito García), aus Johnnys Komplizen (Santiago Santos, Guillermo Méndez, Francisco/Frank Braña) den Aufenthaltsort des gesuchten Mörders heraus. Dabei nötigt, foltert, prügelt, demütigt und tötet er. »Body count«: vier. Die italienische und englische Tonspur machen übrigens klar, dass Lt. G. von seinem kommandierenden Offizier (Alfonso Rojas) den Auftrag erhalten hat, Johnny um jeden Preis lebend zu fassen; die deutsche Version impliziert das Gegenteil, was im Lauf des Films problematisch wird, da Garringo Johnny zumindest zweimal schont, obwohl er ihn töten könnte. Insofern ist auch der Titelzusatz »der Henker« unpassend.

Die Exposition hat Romero Marchent gut hingekriegt, seine beiden Hauptfiguren trivial stimmig vorgestellt: irrer Killer mit Kindheitstrauma versus Militär mit Gewalthemmschwelle null. Bloß jetzt bekommt sein Film eine völlig andere Anmutung – er führt eine Nebenfigur nach der anderen ein, Johnny und Garringo treten in den Hintergrund. Filmzeit erhalten Sheriff Clauss, Johnnys Pflegevater (José Bódalo); dessen Tochter Julie (Solvi Stübing); ein belämmerter Cowboy, Bob (Carlos Romero Marchent), den man aus der deutschen Kinofassung eliminiert hat; der Kutscher Tom (Lorenzo Robledo); ein Arzt, Dr Grayson (Luis Induni); dessen Tochter Nancy (Marta Monterrey [d. i. María Salerno]); ein seniler Farmer, Potter (Xan das Bolas [d. i. Tomás Ares Pena]); der Barkeeper Wilson (Barta Barri) … was zum Teufel ist denn jetzt los? Irgendwie verknallen sich dann auch noch Johnny und Garringo in Nancy und Julie (wie in Western sehr häufig wirken die beiden Frauen zivilisatorisch-pazifizierend); zwei Kopfgeldjäger tauchen auf, Harriman (Antonio Molino Rojo) und Pete (Luis Marín), obwohl auf Johnnys Ergreifung noch gar keine Prämie ausgesetzt worden ist; Johnny sucht sich für einen Raubüberfall – Militärtransport natürlich – frische Komplizen, Damon (Raf Baldassarre) und Fred (José Moreno); bloß im Konflikt der beiden Hauptfiguren geht nix weiter.

Garringos anfängliche Brutalität ist Milde gewichen – Sympathie für Sheriff Clauss, Zuneigung zu Julie, ein gewisses Verständnis für Johnny. So stehen sich in der letzten Konfrontation auch nicht er und Johnny gegenüber, vielmehr tötet Garringo Johnnys Mörder Damon und dessen vier Mietkiller – womit er im Lauf der Filmhandlung ebenso viele Menschen umgebracht hat wie Johnny, nämlich elf. Als in den finalen Bildern Sheriff Clauss den leblosen Körper seines Pflegesohnes traurig in die Arme schließt, nimmt Lt. G. Anteil – je nach Sprachversion allerdings unterschiedlicher Art –:

TENENTE GARRINGO: Mi dispiace. [Es tut mir leid.]
SCERIFFO CLAUSS: Lo so. [Ich weiß.]

LIEUTENANT GARRINGO: It’s much better … this way.
SHERIFF CLAUSS: You’re right.

LEUTNANT GARRINGO: Er hat bezahlt.
SHERIFF CLAUSS: Das hat er.

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Wie die anderen drei Western aus dem Kreis der madrilenischen Filmfamilie Romero Marchent, die ich bisher gesehen habe – Joaquín Luis’ Condenados a vivir, Rafaels Dos hombres van a morir und ¿Quién grita venganza? –, besticht auch Garringo nicht durch narrative Konsistenz, ist aber gut inszeniert und gefilmt. Beteiligt waren übrigens vier Romero-Marchent-Geschwister: neben Regisseur Rafael (* 1926) Ana María als Cutterin, Joaquín Luis (1921–2012) als Drehbuchautor und Carlos (1944–2013) als Darsteller.

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