Proverbs for Paranoids, 3: If they can get you asking the wrong questions, they don’t have to worry about answers.

Nachdem ich vor einigen Monaten einen Aufsatz über El puro, la rançon est à toi, die – offensichtlich stark gekürzte – französische Version von La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io, geschrieben hatte, war ich natürlich sehr gespannt, als ich letzthin eine englischsprachige Fassung von Edoardo Mulargias Film sehen durfte. Denn kaum ein anderer Italowestern gibt dermaßen viele Rätsel auf.

Schon der Versuch, die Filmdauer von La taglia è tua … zu eruieren, führt in ein undurchdringliches Gestrüpp: El puro, la rançon est à toi, die französisch synchronisierte Version, auf die sich mein ursprünglicher Text bezieht, läuft 86 Minuten. Die deutsche Wikipedia weist die Laufzeit hingegen mit 121 Minuten aus, die SWDb mit 106, das DBCult Film Institute mit 91 Minuten für Italien und Frankreich respektive 90 für die USA und Spanien, die italienische und die spanische Wikipedia sowie die IMDb ebenso mit 90 Minuten und Spaghetti Western – Il database del western italiano mit 88. Und im Sergio Leone Web Board schreibt jemand, eine Version in der Länge von 102 Minuten gesehen zu haben. Überglücklich kann ich berichten, dass die neuerdings angeschaute, englischsprachige Fassung mit einer Zeit von 94 Minuten ins Ziel kommt. Egal ob 25 oder 24 Bilder pro Sekunde (PAL oder NTSC), zwischen 86 und 121 Minuten haben einige Filmmeter Platz.

Wie Alex Cox in seinem kurzweiligen Buch 10,000 Ways to Die: A Director’s Take on the Spaghetti Western (Harpenden: Kamera Books, 2012) schreibt: “Dates, lengths and titles are all areas of confusion: in any book about Spaghetti Westerns the reader must sometimes ‘triangulate’ these three pieces of information, all of which may be wrong, to figure out which DVD they’ve rented.” (S. 12 f.) Aber nicht nur das, auch der Inhalt von La taglia è tua … wird ganz unterschiedlich wiedergegeben. Gut, Thomas Weisser hat ihn mal gleich frei erfunden, auf den Mann ist Verlass. Aber selbst die deutsche Wikipedia liegt daneben, was die Handlung des Filmes – besonders den Schluss – betrifft. Auch würde mich interessieren, in welcher Version von La taglia è tua … der Professor Shorty heißt und der dicke Tim Dick. Da der Wikipedia-Text diesen beiden italienischen Inhaltsangaben sehr ähnelt – Spaghetti Western – Il database del western italiano und DBCult Film Institute –, nehme ich an, dass er übersetzt wurde, blöderweise falsch. Die gemeinsame Quelle aller drei Synopsen scheinen die Segnalazioni cinematografiche zu sein (nicht »Segnalazione«, wie die Wikipedia schreibt), die »Filmhinweise« der katholischen Kirche Italiens, wenn ich das richtig begriffen habe. Apropos Vatikan: Warum findet man häufig den Namen Joe Bishop für die »El puro«-Figur? In den Versionen, die ich bisher gesehen habe, nennt sie niemand so. Che confusione!

Wie groß war nun meine Enttäuschung, als ich feststellen musste, dass die vermeintlich neue, englischsprachige Version nichts anderes als die bereits bekannte französische ist, erweitert um einige zusätzliche Szenen, die offensichtlich aus einer Videokassettenveröffentlichung stammen. Drei Sequenzen sind hinzugekommen: a) Tim (Mario Brega) vergewaltigt ein junges Mädchen, während die vier anderen Halunken sich Pferde besorgen. b) Die Bande schlägt ihr Quartier in einer verfallenen Kirche auf. c) »El puro« (Robert Woods) sitzt in einem Saloon, hat schon ordentlich einen picken, stößt eine Bardame (Mariangela Giordano) zu Boden, kriegt vom Barkeeper-Bouncer (Angelo Dessy) kräftig was auf die Rübe, weil er seine Zeche nicht bezahlen kann; Rosie (Rosalba Neri) erbarmt sich seiner, nimmt ihn mit zu sich. Ziemlich genau acht Minuten – warum diese Szenen in der französischen Veröffentlichung fehlen, weiß Charles-Henri Sanson.

Also leider keine neuen Erkenntnisse über den eigenwilligen Beginn von La taglia è tua … oder den Darsteller des Professors (»specs«; selbst die ANICA hüllt sich diesbezüglich in vornehmes Schweigen) oder den weiß gekleideten Jüngling im Haziendahof. Die Erklärung für einen eklatanten (vermeintlichen) Anschlussfehler konnte ich zwischenzeitlich allerdings im Netz finden. Als nämlich die fünf Galgenvögel einen Ladenbesitzer überfallen, trägt Cassidy zunächst ein Jackett, dann plötzlich eine blau-weiße Bluse, die er bis zum Ende des Filmes und seiner erbärmlichen Existenz anbehält. Die Erklärung dafür liefert der gut informierte John Exshaw auf Cinema Retro.

Gedreht wurde La taglia è tua … im Cromoscope-Format. Geht man davon aus, dass die Namen im Vorspann einigermaßen zentriert sein sollten und der Film in der Höhe nicht beschnitten ist, lässt sich ermitteln, wie viel Bildinformation links und rechts fehlt. Das sieht dann so aus …

Puro_01

… und erklärt klasse Einstellungen wie diese:

Puro_02

Ein Jammer. Dabei wurde El puro se sienta, espera y dispara (»Die Zigarre setzt sich, wartet und schießt«, so der spanische Titel) 2007 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig vorgeführt. Eine akzeptable Kopie muss also existieren. Leider sind meine Rufe, die Nerdistan-Geschäftsleitung möge mir eine Recherchereise nach Tschesoloh finanzieren, bisher ungehört verhallt – wir warten also weiterhin auf eine gute DVD-Veröffentlichung dieses »well-acted, dark, gay-themed Western« (Cox, S. 272) … und schauen uns halt inzwischen Henry Kings The Gunfighter (USA 1950), Edward Dmytryks Warlock (USA 1959) und Howard Hawks’ Rio Bravo (USA 1959) oder El Dorado (USA 1966) an.


2 Comments

  1. Und wieder ein paar Aktualisierungen: Die Website des DBCult Film Institute ist nicht mehr aufrufbar; Spaghetti Western – Il database del western italiano hat die Laufzeit mittlerweile korrigiert auf 102 Minuten und liefert eine neue Inhaltsangabe; das Sergio Leone Web Board ist nicht zu erreichen; und die IMDb weist die Rolle des Professors (»specs«) nun Fabrizio Gianni zu.

  2. Als Irrtum hat sich leider meine Annahme erwiesen, eine akzeptable Version von La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io müsse aufgrund der Vorführung des Films 2007 in Venedig existieren: Gezeigt wurde vielmehr eine stark gekürzte, digitale Kopie, wie ich im Forum der SWDb erfuhr.

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