Des Reinen Fall

Robert Woods als El Puro

1969 erklang über den sieben Hügeln Roms bereits das Totengeläut für den Italowestern nicht parodistischer Machart. An der Via Tuscolana nahm die Produktion im Vergleich zum Vorjahr drastisch ab, die großen Filme des Genres waren gedreht, das europäische Kinopublikum hatte sich an doppelten und dreifachen Spaghettirationen satt gegessen. Die Nänien konnten anheben. Eine ebenso pointierte wie triste kam von Edoardo Mulargia mit La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io.

(Vorausschicken muss ich, dass sich der folgende Text auf El puro, la rançon est à toi bezieht, die französische Version von La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io [Italien, Spanien; wörtlich: »Das Kopfgeld gehört dir … den Mann bringe ich um«], der offenkundig – wie die meisten Italowestern – in mehreren, sich in Schnitt, Titel- sowie Namensgebung der Figuren und sogar Ende voneinander unterscheidenden Sprachversionen existiert. Die Fassung, die ich gesehen habe, unterschlägt im Vorspann den Hauptdarsteller Robert Woods, scheint oben, unten und links unbeschnitten, dafür allerdings rechts gekappt, was zu konstant dezentrierten, teils absonderlichen Bildern führt, und wer glaubt, dass deutsche sogenannte Synchronfassungen übel sind, sollte sich das hier ansehen und -hören: keinerlei Bemühung, die gesprochenen Worte den Lippenbewegungen auch nur anzunähern, Intonation wie im Kasperltheater, man hat die Synchronsprecher praktisch vor Augen, wie sie angenervt im Studio herumsitzen oder -stehen und einen ungeliebten Job herunterreißen. Aber gut, ich will mich nicht beschweren, schließlich zählt man bei einem geschenkten Gaul auch nicht die Pferdeäpfel. Und nein, ich weiß nicht, warum im französischen Titel das Wort »rançon«, das »Lösegeld« oder »Kaution« bedeutet, statt des für »Kopfgeld« gebräuchlichen Ausdrucks »prime [de capture]« verwendet wurde.)

Die Geschichte von El puro, la rançon est à toi ist rasch erzählt: Ein weltmüder, versoffener Revolverheld, auf dessen Kopf 10.000 Dollar stehen, wird von fünf Galgenvögeln gejagt. Er könnte mit seiner Geliebten ein neues Leben beginnen; diese wird jedoch von zweien seiner Jäger getötet. Er nimmt Rache, wird am Ende allerdings vom letzten überlebenden Schurken gekillt. Wie bei den meisten Italowestern ist auch bei diesem nicht das Was wesentlich, sondern das Wie.

Edoardo Mulargia beginnt seinen Film in gemächlichem Trab, nimmt sich Zeit, seine Figuren vorzustellen. Zunächst die fünf Bösen: den doofen Cassidy (Aldo Berti), den bebrillten, schlauen Professor, den irren Gypsy Boots (Marc Fiorini), den dicken Tim (Mario Brega) und dessen Bruder, den naiven Dolph (Maurizio Bonuglia). Grausam und geldgierig sind sie alle fünf.

Die erste bemerkenswerte Szene des Films ist eine Referenz an Sergio Leones Il buono, il brutto, il cattivo, der auf den Tag genau drei Jahre vor La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io uraufgeführt wurde, nämlich am 23. Dezember 1966. Wie Tuco Ramírez (Eli Wallach) in Leones Film betritt Gypsy Boots einen Laden mit bösen Absichten. Beide schüchtern den jeweils alten und schwächlichen Händler ein (Enzo Petito respektive einen Anonymus). Allerdings geht es Tuco R. um überlebenswichtige Dinge – eine gute Kanone und Fusel –, während Gypsy B. in erster Linie um sein Aussehen besorgt ist: Er braucht ein neues, schickeres Outfit. Ein Augenzwinkern Mulargias in Richtung der übertriebenen Style- und Accessoireversessenheit, die den Italowestern immer mehr plagte.

Tatsächlich neue Kleidung und auch einen Haarschnitt benötigen würde der von Robert Woods dargestellte Protagonist des Films. In seinem ersten Auftritt präsentiert ihn Mulargia als verlotterten, zerzausten Trinker, der in Mexiko den Spitznamen »el puro« verpasst bekommen hat, weil ihm ständig eine Zigarre zwischen den Lippen steckt. »Puro« bedeutet im Spanischen nicht nur »rein, keusch, lauter, echt«, sondern bezeichnet eben auch eine Zigarre, wobei das, was »el puro« raucht, im Deutschen eher ein Zigarillo wäre. Das spanische Wort »cigarrillo« jedoch meint »Zigarette«. Es ist eine seltsame Welt. »El puro« jedenfalls scheint so ziemlich fertig mit ihr – seltsam oder nicht –, was er Rosie, (s)einem »upstairs girl« (Rosalba Neri), in aller Ausführlichkeit darlegt. Die Essenz:
« … aujourd’hui j’ai peur … peur de mourir … fatigué par cette vie … »
Rosie versteht ihn und schlägt ihm vor, als ihr Partner auf einer Ranch zu leben, die sie in einem Jahr kaufen möchte. In dieser tristen Szene und einer folgenden bringt Mulargia fast bergmansche Symbolik ins Spiel, indem er die im Hintergrund an der Wand hängende Uhr wiederholt gut in Szene setzt, sei es über einer der beiden Figuren oder zwischen ihnen. Die Zeit läuft ab – für »el puro«, für Rosie, für sie gemeinsam und auch den Italowestern …

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Eine neuerliche Leone-Referenz bringt der erste Auftritt von Fernando (Gustavo Re), »el puros« Partner bei krummen Geschäften mit den Navajos – Waffen und Tequila –, der, auf seinem Kutschbock sitzend, munter und fröhlich die Titelmelodie von Für ein paar Dollar mehr pfeift. Als er auf die fünf Schurken stößt, wird er vom Kojotenthema aus Il buono, il brutto, il cattivo begrüßt. Der Score von Alessandro Alessandroni legt die Musik aus diesen beiden Filmen zusammen, was eine nette Hommage oder ein schamloses Plagiat ergibt – je nach Sichtweise. Wesentlich aber ist, dass Mulargia Ennio Morricones Dollar-Thema diegetisch einsetzt, das heißt, dessen Quelle ist in der filmischen Erzählung zu finden und nicht außerhalb: Fernando pfeift – als hätte er Leones Film gesehen.

Nach diesem unangenehmen Aufeinandertreffen kutschiert Fernando nach Silver City, Texas, um »el puro« ein neues Geschäft vorzuschlagen, das dieser akzeptiert. Inzwischen erschießen die fünf Banditen einen Sheriff (Attilio Dottesio), der sich ihnen in blinder Pflichtversessenheit entgegenstellt. Cassidy hat Fernando verfolgt, und er und Gypsy Boots reiten nach Silver City. »El puro« versucht, seine alte Treffsicherheit wiederzuerlangen, und macht Schießübungen außerhalb der Stadt. Er kann seine Pfoten nicht von der Whiskeyflasche lassen, trifft nichts, sieht alles mehrfach und fällt schließlich in ein Delirium. Hier blendet Mulargia über zu einer der erstaunlichsten Szenen seines Filmes: Er zeigt uns einen jungen, weiß gekleideten Mann mit schwarzem Haar, der in einem Haziendahof auf einem Stuhl sitzt und mit seinem Revolver Tassen von umliegenden Dächern und Mauern schießt. Wir haben den Jüngling nie zuvor gesehen und werden ihn auch nicht wieder zu Gesicht bekommen. Also müssen wir ihn dem Delirium »el puros« zuordnen: Der junge Mann strahlt Selbstbewusstsein aus, ist treffsicher, seine weiße Kleidung lässt ihn rein erscheinen – das genaue Gegenteil des niedergeschlagenen, stockbesoffenen »el puro« in seiner zerlumpten schwarzen Kleidung, der am Ufer des Rio Grande stehen könnte und Mexiko nicht treffen würde (um es mit Pete Dexter zu sagen). Eine Epiphania für »el puro«, der Beginn seiner Katharsis.

Gypsy und Cassidy befragen inzwischen Rosie zu »el puros« Aufenthaltsort. Als sie keine Auskunft erhalten, prügelt Cassidy sie grausam zu Tode, was Gypsy mit: »Compliments!«, quittiert. Dann küsst er Cassidy stürmisch auf den Mund.

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Mulargia bringt mit dieser Szene zum einen die notorische Misogynie des Italowesterns auf den Punkt, zum anderen dessen ebenso notorischen Chauvinismus, einen Machismo, der mit exklusiver Männerbündelei und Frauenverachtung seine latente Homosexualität kaschieren möchte, jedoch nur deutlicher macht. Frauen werden im »western all’italiana« bevorzugt missbraucht, geschlagen und vergewaltigt, während Männer sich mit ihren umgeschnallten Penissubstituten durchlöchern. Auch schafft es Mulargia, die Tötung Rosies nicht geschmäcklerisch, sondern hässlich und schmerzvoll zu inszenieren. Rosalba Neri trägt ihren Teil dazu bei.

Es folgt die weiter oben bereits erwähnte Katharsis des Helden: »El puro« wird, nachdem er ins Delirium gefallen ist, von einem Bauern zu dessen Hof gebracht und dort gepflegt. Antonio, der Sohn des »campesino«, bringt ihm Bewunderung und Zuneigung entgegen. Dargestellt wird dieser vom damals elfjährigen Giusva Fioravanti (d. i. Giuseppe Valerio Fioravanti), einem lieben Buben, aus dem einige Jahre später ein gar nicht lieber Rechtsterrorist wurde, verurteilt für den Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna im Jahr 1980. (Ein ähnliches Früchtchen spielte unter anderem ja auch in Giulio Petronis Tepepa [Italien, Spanien 1969] mit, nämlich Luciano Casamonica als Paquito.)

Der kathartische Weg »el puros« führt vom Bauernhof in die Stadt, ins Gefängnis und letztlich in eine Schlammkuhle, seinen Tief- und auch vorläufigen Endpunkt; denn in der nächsten Szene zeigt Mulargia die abgelegten, auf Büschen drapierten schwarzen Kleidungsstücke von »el puro«, während dieser selbst friedlich wie ein Neugeborenes in seiner schneeweißen Unterwäsche, dem obligaten »union suit«, im Gras schlummert. »Resurrection«! Der Schmetterling ist geschlüpft, Phönix kann emporsteigen.

Jetzt geht es bergauf für »el puro«: Er trinkt Kaffee statt Whiskey, kämmt sich die Haare und trifft auch wieder, was seinen Widersachern einen raschen Tod beschert. Zunächst erschießt er im Saloon von Silver City Dolph, von seinem Boss Gypsy B. an anderer Stelle folgendermaßen charakterisiert:
« Il ressemble à un petit chat. On ne sait jamais s’il ronronne ou s’il va sortir ses griffes pour te griffer. »
»Le professeur« verlässt nach Dolphs Tod die Bande. Gypsy B., Cassidy und Tim stellen sich dem Duell mit Fernando und »el puro«. Keine gute Idee, sie werden trocken abgeknallt. Fernando erschießt Cassidy mit seinem Gewehr, »el puro« jagt seine Revolverkugeln in den massigen Leib von Tim, der wie ein wild gewordenes Rhinozeros auf ihn zustürmt. Der arme dicke Tim:
« C’est un grand cochon. Il aime les petites jeunes filles, le coquin. » (G. Boots)
Als Letzter beißt Gypsy in den Staub. Ende gut, alles gut, so scheint es. »El puro« reitet aus Silver City fort. Da taucht auf einer Anhöhe der Professor wieder auf –
« Il sait même lire ! » (G. B.)
– und schießt mit einem Gewehr mit Zielvorrichtung »el puro« vom Pferd. »Fin«. Eine treffsichere Anspielung auf das Ende des von Intellektuellen heiß geliebten Italowesterns … wer hat Le Vent d’est der Groupe Dziga Vertov gesehen?

(Bleibt noch eine Frage: Welcher Schauspieler stellt den Professor dar? Der französische Vorspann bietet zur Auswahl: Maurizio Bonuglia, Rosalba Neri, Mario Brega, Gustavo Re, Aldo Berti, Mariangela Giordano, Giusva Fioravanti [d. i. Giuseppe Valerio Fioravanti], Cesari Ojinaga [d. i. César Ojinaga] und Ashborn Hamilton [d. i. Maurizio/Mark/Marc{o} Fiorini]. Gustavo Re wird oft als Professor [oder Specs, wie die Figur wohl in anderen Versionen heißt] angeführt, aber der stellt doch Fernando dar. Sonst kommt keiner der oben erwähnten Schauspieler infrage. Die üblichen Quellen nennen als Mitwirkende auch Fabrizio Gianni und Fernando Rubio. Eine akzeptable DVD-Veröffentlichung von La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io wäre mehr als willkommen.)



2 Comments

  1. wh wh

    Die Menschheit kann aufatmen, denn eine der großen bis jetzt unbeantworteten Fragen ist nun geklärt! Der Darsteller des Professors ist Attilio Dottesio. Dank des Vorspanns der englischen Fassung, in dem einige Namen mehr als in der französischen auftauchen, konnte ich eine extensive Recherche starten und fündig werden. Stockholm und Oslo – ich warte auf den Anruf!
    Anbei noch ein kleines Schaubild.

    • mg mg

      Oje, der Nobelpreis für Spaghetti Western Studies muss noch warten: Dottesio spielt einen Sheriff, den Gypsy B. abmurkst.