‘I only took what his freedom is worth to him,’ explains Tchitcherine. ‘Where’s that pipe, now?’

Unter den Dutzenden gut aussehenden Schauspielerinnen, die in italienischen Western mitgewirkt haben, gehört Rosalba Neri neben Nicoletta Machiavelli und Marilù Tolo zu den auffälligsten Erscheinungen. Stets umgeben von einer Aura sphingischer Rätselhaftigkeit, spielte Neri von 1966 bis 1974 in nicht weniger als siebzehn Italowesternproduktionen mit und deckte damit die gesamte Blütezeit des Genres ab. Die ihr zugedachten Rollen spiegeln auch ziemlich genau das vom »western all’italiana« beförderte Frauenbild wider. Überlebt haben die von Neri dargestellten Figuren kaum einen Film.

1966 war ein produktives Jahr für italienische Western und auch für Rosalba Neri: In dreien wirkte die 1939 in Forlì, Emilia-Romagna, geborene Schauspielerin mit. Ihren ersten Wildwestauftritt hatte sie in Johnny Yuma von Romolo Guerrieri. Eine substanzielle Rolle, Neri gibt die bitterböse Samantha Felton, eine Frau Fatal, die alles ihrem Streben nach Macht und Reichtum unterordnet, nicht zuletzt die sie umgebenden Männer – von ihrem Bruder über ihre Liebhaber bis zu ihrer Dienerschaft und den lokalen Honoratioren. Nachdem sie ihren Gatten, einen reichen Gutsbesitzer, von ihrem Bruder aus dem Weg hat räumen lassen, sieht Mrs Felton sich am Ziel ihrer Träume. Allerdings taucht da der Neffe ihres Ehemanns auf, ein renitenter, frecher Kerl namens Johnny Yuma, dargestellt von Mark Damon. Die Neri-Figur setzt nun alles daran, den Störenfried zu beseitigen: Man ahnt es, der – als Titelheld – hat a) ein Wörtchen mitzureden und b) natürlich das letzte. Alles geht daneben für Samantha Felton, am Ende wartet der Tod: Sie verdurstet auf der Flucht.

Der Teufel in Verkleidung

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Das Ende ist nah …

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… und jetzt da

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Neben Rosalba Neri gehört das wunderbar kitschige Titellied der Wilder Brothers – wer waren die Wilder Brothers? – zu den sehr erquicklichen Zutaten von Johnny Yuma. Das geht so:

[Banjointro: Klong! Klong! Klong! Klong!]

Wherever there’s a road, he rides
Wherever with his horse he rides
Blue skies or a starry night
Are better than a warming home

Johnny Yuma, don’t go!
Johnny Yuma, stay here!
What do you think you’ll find beyond the mountains?

But Johnny is a reinless horse
Tomorrow he’ll be far away
Wherever there’s a road, he rides
Let him ride, he will return

[Ein Pfiff und dann, yes, Trompetensolo]

Johnny Yuma, don’t go!
Johnny Yuma, stay here!
What do you think you’ll find beyond the mountains?

But Johnny is a reinless horse
Tomorrow he’ll be far away
Wherever there’s a road, he rides
Let him ride, maybe he’ll return
He will return
He will return
He will return

Ach ja, uns alten, schmutzigen Männern als Zuschauern (s. Laura Mulveys »the male gaze«) bietet Regisseur Guerrieri auch eine Identifikationsfigur an, und zwar einen bescheuerten Papagei, der ganz aus dem Häuschen gerät, als die Neri sich neben ihm zum Bade entkleidet. Vor Aufregung fällt das dumme Tier beinahe von seiner Hockstange.

Ein Auftakt nach Maß im Westerngenre für Rosalba Neri, große Rolle, solider Film. Es konnte also nur bergab gehen.

Zunächst spielte Neri noch eine wesentliche Figur in Alfonso Balcázars Dinamite Jim (Spanien, Italien 1966), einer halb garen Gemengelage aus Schmierenkomödie, Agentenfilm und Western. Der hasenhirnige Plot: Während des Sezessionskrieges brauchen die Nordstaaten unbedingt Gold – nicht Geld –, weswegen man von einem Bankier in Mexiko um rund eine Million Dollar Goldbarren ankauft. Diese sollen von der Grenze in ein »territory« gebracht werden, dessen Namen ich nicht verstanden habe – »Kiowa« wäre möglich, aber das würde man »kei-o-wa« aussprechen, während im Film stets von »kie-o-wa« die Rede ist –, jedenfalls müssen die Goldbarren in dieses Territorium, um zu verhindern, dass es konföderiertes Gebiet wird. Allerdings kann die Unionsarmee das Gold nur bis nach Los Alamos transportieren – das Balcázar von New Mexico nach Texas verlegt –, weil die restliche Strecke von mehr als sechshundert Meilen sich fest in den Händen der Sezessionisten befindet.

Man beauftragt also einen – nicht besonders fähigen, wie sich herausstellt – Agenten namens Clint Sherwood (Marcello Selmi) mit der Aufgabe der weiteren Goldbeförderung. Der macht auf dem Weg nach Los Alamos in einem kleinen Örtchen Station, um Durst und Hunger zu stillen, und prompt wird ihm sein Schecke geklaut, das Erkennungszeichen für seine Kontaktfrau am Zielort. Der Dieb ist natürlich kein anderer als Jim (Luis Dávila), der Titelheld – »Dynamite« nennt ihn den gesamten Film hindurch niemand –, ein toller Hecht zwischen Poker- und Nachttisch. Die Kontaktfrau in Los Alamos, Unionsagentin Margaret (Rosalba Neri), eine Saloonbetreiberin, hält Jim, der klarerweise genau dorthin geritten ist, für Clint Sherwood, und das Tänzchen um das Gold kann beginnen.

Neben den bereits Erwähnten geben sich die Ehre und drehen sich mehr oder minder schwungvoll in wechselnden Paarungen im Kreise: Aldo Sambrell als der böse Slade (im Auftrag des hinterhältigen mexikanischen Bankiers [Joaquín Díaz]) mit seinen Spießgesellen; Fernando Sancho als Bandit Pablo Reyes (kann Gold riechen) mit seiner Gefährtin Lupita (Maria Pia Conte), seinem Papagei Maximiliano und seinen Halsabschneidern; Carlos Miguel Solá als der arglose Konföderationshauptmann Trevor (verknallt in Agentin Margaret); Osvaldo Genazzani als der undurchsichtige Thomas Ferguson (im Sold der Union) und ein paar Nebentänzer. In dieser Welt als Wille und Verstellung haben am Ende die schlaue Margaret, der gerissene Jim und die glückliche Lupita das gute Ende für sich: 1865 genießen sie das Unionsgold in Paris – das einzige Happy End für eine Neri-Figur in all ihren 1960er-Wildwestfilmen.

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“Courage, Margaret!”

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’appyend à gay Paree

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Begonnen hatte Dinamite Jim mit einem schwungvollen Seniorenresidenzkracher, dessen zweifellos erbaulichen Text ich hier allerdings nicht wiedergeben kann, da ich so gut wie kein Wort verstanden habe – außer der Titelzeile: »Dynamite Jim«, gesungen als »Deinamiete Tschimm«.

Der dritte und letzte 1966er-Eintrag in Neris Westernfilmografie ist der recht bekannte Arizona Colt von Michele Lupo. Projiziert ab dem 27. August, machte die italienisch-französische Koproduktion beim Publikum der Erstaufführungslichtspieltheater (»cinema di prima visione«) im Land, wo die Patronen glühn, mehr als eine Milliarde Lire locker (₤ 1.249.041.000, Rang 31 in Austin Fishers Top-Hundred-Liste der einspielstärksten Italowestern), Rosalba Neris geldliche Genreklimax. Giuliano Gemma, 2013 tödlich verunglückt, gibt den lässigen Titelhelden, damit dürfte alles klar sein. Neri verkörpert Dolores und ist bereits bei der Frauenrolle des Italowesterns angelangt: Saloonbedienstete, in der Tätigkeit irgendwo zwischen Theken- und Sexarbeit. Dolores gerät an einen üblen Banditen (Giovanni »Nello« Pazzafini), lässt sich mit ihm ein und bald darauf ihr Leben. Ein enttäuschend kurzer Auftritt, nicht einmal zwei Minuten lang ist Rosalba Neri zu sehen. Todesart diesmal: Erdrosselung.

Ein Herz für Oldtimer

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Der falsche Typ (Nello Pazzafini) …

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… und vorbei

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Besondere Erwähnung verdient auch hier der Titelsong, herzzerreißend vorgetragen von Raoul:

[Akustische Gitarre und E-Bass, Pauken, Fanfare]

He came out of nowhere
With no one beside him
He rode out of the sunrise all alone

A man out of nowhere
With no one to love him
His one faithful companion was his gun

No one could say just where he came from
No one could say where he was going
Was he a man without a heart
A man with a heart made of stone

[Mundharmonika; in der französischen Version fehlt seltsamerweise die folgende Strophe, stattdessen wurden die Violinen im Mix hervorgehoben]

The moon on the mountains
A sky full of starlight
And some wary young stranger on his way

No one could say just where he came from
No one could say where he was going
As he had come he rode away
A man with a gun all alone
A man with a gun all alone

Um es mit Killdozer zu grölen: Heilige Makrele, heilige Kuh, ich frage mich, wie die Neri in ihren vierten Western geraten ist. Glück im Unglück, sie muss nicht lange mittun in Wanted Johnny Texas von Multiuntalent Emimmo Salvi, verantwortlich für »soggetto«, »sceneggiatura« und »regia« (Thema, Drehbuch und Regie), also ein »true auteur« im Sinn von Kevin Grant. Neri verkörpert in diesem im April 1967 erstmals gezeigten Streifen Rosita, Geliebte des Titelhelden Mr Texas, der von James Newman dargestellt wird, einem mysteriösen Schauspieler, von dem heutzutage offenbar nicht einmal rudimentäre Fakten bekannt sind, was den Verdacht nahelegt, dass der Mann nach dem Wanted Johnny Texas-Debakel weise seine Spuren verwischt hat. Texas’ Widersacher O’Connor (Howard Ross, d. i. Renato Rossini) tötet Rosita nach gut zehn Minuten und überlässt uns Zuschauer der grimmigen Ein- und Aussicht, dass nach dem Ende der Neri noch viel zu viel Filmzeit übrig bleibt. Und die hat es in sich.

Die Geschichte nachzuerzählen ist gar nicht so einfach, da Salvi frei von jeglicher narrativen Logik operiert. Er führt Figuren ein, die sang- und klanglos verschwinden, ohne die geringste Bedeutung für den Fortgang der Story, in der es irgendwie um einen Pass geht, der aus unerfindlichen Gründen vom Banditen O’Connor gehalten wird, was dem von Fernando Sancho gespielten Colonel Stewart und den von ihm kommandierten Rangers ein Dorn im Auge ist, weswegen der wackere Oberst ausgerechnet Windei J. Texas beauftragt, mit O’Connor zu verhandeln, was komplett danebengeht und Rositas Leben kostet, wodurch Stewart sich seltsamerweise bestätigt sieht, Johnny gleich noch einmal zu dem Banditen zu schicken, jetzt mit dem Auftrag, ihn aus dem Weg zu räumen, und mit der Beigabe einer Agentin namens Lucia Cansino (Monika Brugger), die Sprengkapseln für von O’Connor geklautes Dynamit bei sich hat und sich Siedlern anschließt, die unbedingt über den Pass müssen, und dann mengt Salvi noch ehemalige Weggefährten von Johnny Texas bei, von denen sich einer mit Cansino in Gebärdensprache verständigt, immer im Dunkeln und auf beträchtliche Distanz, und Cansino zeigt einen entsetzlichen, nicht enden wollenden Tanz und wird Mr Texas’ Geliebte, und das alles in den hässlichsten Kulissen, seit es Filmstudios gibt, mit gänzlich orientierungslosen Schauspielern, von der linken Hand des Satans geschriebenen Dialogen, einem nervenaufreibenden Soundtrack, und es wird herumgeschossen und -geschlagen und -geritten, und es nimmt kein Ende, buhu …

Dank »auteur« Salvis visionärer Inszenierung kann ich nicht einmal genau sagen, auf welche Art Rosalba Neris Figur ums Leben kommt. Bandit O’Connor versucht mutmaßlich, Rosita zu vergewaltigen, schlägt dabei mit einer dornenbesetzten, wahrscheinlich aus Salvis letzter Sandalenfilmproduktion stammenden Art von »caestus« auf ihren Hinterkopf, worauf sie geringstenfalls das Bewusstsein verliert, dann in ihr Gesicht. Schnitt. In der nächsten Szene findet J. Texas sie tot am Bett.

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In Alfonso Brescias I giorni della violenza (Italien 1967; wörtlich: »Die Tage der Gewalt«; genialischer deutscher Titel: Sein Wechselgeld ist Blei [nur gültig bei Aldi Nord]) hat Rosalba Neri ihren fünften Auftritt in einem Western, und ihre Rollen werden nicht mehr größer. Der episch breit dimensionierte Film erzählt von einem jungen Mann mit einem seltsamen Namen – auf der italienischen Tonspur »Tschoss« ausgesprochen –, der gemeinsam mit seiner Verlobten, deren Vater, seinem Bruder und dessen Frau (Neri) auf einer Ranch in Missouri lebt. Durch die Wirrsale des Sezessionskrieges gerät Tschoss (Peter Lee Lawrence, d. i. der mit nur dreißig Jahren verstorbene Karl Otto Hyrenbach und Thieme) unglücklich in Konflikt mit einigen schurkischen Nordstaatlern und schließt sich daraufhin nicht offiziellen Südstaatenkämpfern an. Nach Ende der Auseinandersetzungen 1865 – die Darstellung des Bürgerkriegs hat man wohl aus Kostengründen gänzlich ausgespart – kehrt Tschoss auf die Ranch in Missouri zurück und muss feststellen, dass dort für ihn alles im Argen liegt. Neris Figur, deren Namen ich als »Litzi« verstanden habe, tritt nur in zwei größeren Szenen auf: in der einen – gleich zu Beginn des Filmes – wird sie beinahe vergewaltigt, in der anderen – viel zu früh – erschossen.

Auch Alfonso Brescia inszeniert Rosalba Neri als Zielpunkt männlicher Gewalt

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Das bewegte Jahr 1968 bringt für Rosalba Neri vier weitere Western. Der erste, Killer adios (Italien, Spanien), in Szene gesetzt vom damals einundsechzigjährigen Regieveteranen Primo Zeglio, wurde im Februar uraufgeführt und ist im Grunde eine Detektivgeschichte, ein »Whodunnit«-Krimi. Der Held des Films, Jess Brian (Peter Lee Lawrence), kehrt nach langer Abwesenheit in seinen Heimatort zurück und sieht sich mit einer mysteriösen Mordserie konfrontiert. Involviert sind Brians Jugendliebe Fannie Sand (Rosalba Neri), zwei konkurrierende Kapitalisten – der Unternehmer Bill Bragg (Armando Calvo) und der Großgrundbesitzer Samuel Ringgold (Eduardo Fajardo) –, der lokale Sheriff Clint Simpson (L[o]uis Induni), dessen Tochter Sheila (Marisa Solinas), Ringgolds Vorarbeiter Jack Bradshaw (Giovanni Pazzafini), Braggs Sekretär Dixon (Víctor Israel), der alte Bob Elliott (José Jaspe), Braggs Schwester Rose (Zeglios Frau Paola Barbara in einer kleinen Rolle) und ein paar andere. Nachdem im Lauf des Films die oben genannten Figuren sich entweder verdächtig gemacht oder gewaltsam das Zeitliche gesegnet haben (oder beides), gelingt es Jess Brian am Ende, den Schuldigen zu entlarven und der endgültigen Gerechtigkeit zuzuführen. Das Ganze ist mäßig spannend aufbereitet, und über die innere Logik der Mordserie denkt man besser nicht zu lange nach.

Eine zentrale Rolle kommt neben einer »One of One Thousand«-Winchester – ja, jener aus Anthony Manns Winchester ’73 (USA 1950) – der von Neri verkörperten Fannie Sand zu, einer weit gereisten Dame von Halbwelt (Paris, London und Rom), die es versteht, ihre physische Attraktivität pekuniär profitabel zu machen, und der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ist. Jedoch tritt Neri nur in zwei recht kurzen Szenen auf, in ihrer dritten – Überraschung! – ist sie bereits tot: mit einem Seidenstrumpf stranguliert.

Fannie Sands Jugendliebe Jess Brian ist wieder da, die Freude riesengroß

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Neri mit roter Zweitfrisur, dem letzten Schrei aus Paris, London oder Rom

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Nello Pazzafini zwischen einem Felsen und einem weichen Platz

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Neri- oder Nekrophilie?

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Der von Tirone Tallino geschriebene und Maurizio Graf interpretierte Titelsong »Killer adios« bringt wiederum Schmerzlinderung für die Mitglieder von Feldwebel Pfeffers Klub der einsamen Herzen (und erzählt interessanterweise Jess Brians Geschichte aus der Perspektive des Liebenden, der sich von der Vergangenheit [Fannie Sand] lösen muss, um neues Glück zu finden, nämlich in Person von Sheriffstochter Sheila Simpson, mit der er am Ende des Films per Zug gen Tucson reist).

[Gerufen:] Killer, adiós!

When a love has ended
What is there to say?
When love can’t be mended
Just call it a day

Now our love has gone
I’ll be on my way
I roam the world
To find another love
One day I know
I’ll find that other love
Till that day comes along
There will be no foolish tears
Over the wasted years

There’s no time for sorrow
Yesterday is past
I can face tomorrow
Troubles never last

Now our love has gone
I’ll be on my way
I roam the world
To find another love
One day I know
I’ll find that other love
Till that day comes along
There will be no foolish tears
Over the wasted years
One day I know
I’ll find another love
One day I know
I’ll find another love

Rosalba Neris siebter Wildwestfilm bringt kein neues Rollenfach, ebenso bleiben die Anzahl und die Dauer ihrer Szenen beschränkt. Wie bereits in Arizona Colt stellt Neri in I lunghi giorni dell’odio (Italien 1968; Regie: Gianfranco Baldanello; deutscher Titel: Seine Winchester pfeift das Lied vom Tod) eine Saloondame dar. Ihre Figur trägt den Namen Meline und arbeitet in einem Vergnügungsetablissement in der texanischen Stadt Eldorado; ein solcher Ort existiert tatsächlich, allerdings erst ab 1895, wohingegen sich »die langen Tage des Hasses« 1870 ereignen. Man darf daher vermuten, dass sich die Drehbuchautoren – neben Baldanello Gino Mangini sowie Luigi Emmanuele, der 1959 unter anderen mit Sergio Leone, Sergio Corbucci und Duccio Tessari an Gli ultimi giorni di Pompei arbeitete – Inspiration bei Howard Hawks’ El Dorado (USA 1966) geholt haben. Oder auch anderswo, gar bei Edgar Allan Poe?

In schimmernder Wehr
ein Ritter hehr
durch Sonne und Schatten tät wallen –
er sucht kühn,
es zog ihn hin
nach Eldorados Hallen.

Doch ward er alt,
und ein Schatten kalt
wollt’ ihm aufs Herze fallen –
da nirgends fand,
in keinem Land,
er Eldorados Hallen.

Und als seine Kraft
am Ende erschlafft’,
da sah einen Schatten er wallen –
»Wo find’ ich, sag an,
du Pilgersmann,
wohl Eldorados Hallen?«

»Hinter dem Mond,
wo die Stille wohnt,
im Tal, da die Schatten wallen –
dort findest du
wohl Rast und Ruh
in Eldorados Hallen!«

(Edgar Allan Poe, »Eldorado«, in: ders., Gedichte – Poems, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1986, S. 177; übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger)

Baldanello präsentiert sein Eldorado als recht friedliches Örtchen, mit einem Postbüro, einigen Geschäften, dem erwähnten Saloon. Wichtig für die Handlung von I lunghi giorni dell’odio werden zwei Bürger dieser Westernstadt, zum einen der Geschäftsmann Mr Graham, dargestellt von Rik Battaglia, zum anderen der Arzt Dr Parker (Attilio Dottesio, im Nachspann »Atillio« geschrieben). Dem Sheriff, gespielt vom Budapester John Bartha (d. i. János Barta), kommt hingegen keine große Bedeutung zu.

In der Nähe Eldorados befindet sich die Ranch der Familie Benson: Vater John F., Mutter A., die älteste Tochter Susan, häufig Suzy genannt (Lucienne Bridou), deren Schwester Jenny (Anna Liotti), die Brüder Daniel (Alberto Dell’Acqua) und Arius (Steve Merrich) betreiben dort eine Landwirtschaft und ein Gestüt, unterstützt von einer zusätzlichen Arbeitskraft namens P. Comas. Der älteste Sohn der Bensons, Martin (Guy Madison) – von seinem Vater als »outlaw« bezeichnet –, hat die Ranch verlassen und übernimmt Spezialaufträge der U.S. Army, um a) Geld zu verdienen und b) seinen Namen reinzuwaschen; wodurch er Schuld auf sich geladen hat, erzählt uns der Film nicht.

Meline ist in ihrer ersten Szene nicht gut auf Martin Benson zu sprechen; einer Arbeitskollegin, dargestellt von Gioia Desideri (im Vorspann »Giola«), rät sie mit einer gewissen Ranküne:

“Don’t go fallin’ for a Benson, Lillian. I mean, I’ve had my fill.”

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Als Martin B. verwundet nach Eldorado zurückkehrt – gejagt von Waffenschiebern, die seine Eltern und P. Comas getötet und seine jüngere Schwester Jenny vergewaltigt haben –, sucht er Unterschlupf bei Meline, die ihn wohlwollend aufnimmt.

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Nachdem M. Benson aus dem Saloon durch Melines Fenster geflohen ist, betreten die ihn suchenden Banditen den Barraum. Meline, Lillian und andere dort beschäftigte Frauen verschaffen ihm Zeit, indem sie die Schieber in einen Ringkampf verwickeln und eine Saloonremise bewirken.

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Der Großteil der Waffenschieberbande ist getötet, Mr Graham als deren Chef entlarvt. Meline hat Martin wieder ziehen lassen müssen – der finalen Konfrontation mit Graham entgegen –, und in ihrem letzten Blick des Filmes drücken sich Zweifel aus, ob er zu ihr zurückkehren wird.

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Ein offenes Ende für die Neri-Figur, mit rotem Haar wie in Killer adios, aber immerhin I lunghi giorni dell’odio überlebt, in deren Verlauf sie circa fünf Minuten zu sehen war. Passenderweise hatte der Streifen mit einem Hymnus an das Leben und die Liebe begonnen:

[Pauke, Bläserfanfare: Bumm – Tadadadadata! Bummbumm – Tadadadadatata!]

Life is the only precious thing God’s given to you
Life is too marvellous and bright to make a man die

If no one can live his own life without someone who cares
It’s a shame that you cannot forgive another man

Life is too marvellous for you as well as for me
Love is the common precious thing to take and to give

If no one can live his own life without someone who cares
It’s a shame that you cannot forget your hate

Seinen Hass gar nicht vergessen kann Mike Sturges (Steve Reeves), der Held in Camillo Bazzonis Vivo per la tua morte (Italien; wörtlich: »Ich lebe für deinen Tod«; deutscher Titel: Ich bin ein entflohener Kettensträfling), Rosalba Neris achtem Western, ihrem dritten des Jahres 1968, uraufgeführt am selben Tag wie I lunghi giorni dell’odio, nämlich am 5. April. Sturges, einem Rinder- und Pferdezüchter aus San Manuel, Arizona, wird der Überfall auf einen Zug der Southern Pacific Railroad in die Schuhe geschoben. Man verurteilt ihn zu Strafarbeit im Zuchthaus von Yuma, wo er die nächsten dreißig Jahre bis zu seinem Tod verbringt. Vivo per la tua morte schildert historisch akkurat und minutiös recherchiert das Leben, den Tagesablauf, die Beziehungen der Gefangenen und der Wärter in einem amerikanischen Gefängnis des neunzehnten Jahrhunderts (Arizona wurde erst 1912 Bundesstaat). Mehr Dokumentation als Drama, überzeugt Bazzonis Film mit einer feinfühligen Rekonstruktion der Verfasstheit der Gefangenen wie auch ihrer Wärter vor einem plausibel gezeichneten historischen Hintergrund. – Nein, natürlich nicht: Mike Sturges kann fliehen und bringt die wahren Schuldigen einen nach dem anderen um die Ecke. Das isses, ohne Firlefanz, geradlinig erzählter Rachewestern, sehr gut gefilmt von Enzo Barboni (mit Django-Ruhm). Story, Inszenierung und Charaktere sind jedoch viel zu simpel gestrickt, um wirkliches Interesse wecken zu können.

Die Neri, wieder schwarzhaarig – die Maske hatte ein Einsehen –, tritt in einer kleinen Nebenrolle auf, mit circa drei Minuten Leinwandzeit. Sie stellt Encarnación dar, »una puta« (Selbstbezeichnung ihrer Figur), die Mike Sturges nach seiner Flucht aus dem Zuchthaus Unterschlupf und Hilfe gewährt. Zu ihren Kunden gehört ausgerechnet auch der sadistische Gefängnisaufseher Bill Savage (Nello Pazzafini), der just bei ihr auftaucht, kurz nachdem Mike hereingeschneit ist. Es kommt zur finalen Konfrontation der beiden Männer, Encarnación im restlichen Film nicht mehr vor.

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Neri und Pazzafini wieder gemeinsam bei der Arbeit

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Nach Dinamite Jim ist Rosalba Neri 1968 erneut in einem Western von Alfonso Balcázar zu sehen. Sartana non perdona (Spanien, Italien; wörtlich: »Sartana verzeiht nicht«; deutscher Titel: Für ein paar Leichen mehr) orientiert sich am leoneschen Ringelspiel für drei: Ein Kopfgeldjäger und Rächer, Sartana (George Martin [d. i. Francisco Martínez Celeiro]), eine Mietkanone, Kitchener (Gilbert Roland [d. i. Luis Antonio Dámaso de Alonso]), und eine üble Socke, Slim Kovacs (Jack Elam), sind die Protagonisten dieser am 25. Oktober 1968 erstmals gezeigten Variation von Für ein paar Dollar mehr und Il buono, il brutto, il cattivo.

Balcázars entschleunigter Film beginnt mit einer langen, ungemein kitschigen, von ätherischem Singsang begleiteten Rückblende, die Sartanas Erinnerungen an seine von Slim Kovacs sexuell missbrauchte und getötete Frau zeigt und das Schlimmste befürchten lässt. Gerahmt wird dieser Flashback von einem leise plätschernden Bächlein, auf welches Sartanas Blick fällt und das bei ihm nicht, wie man vermuten könnte, Harndrang auslöst, sondern Reminiszenzen an seine tote Gattin. Nach den unerträglichen ersten Minuten von Sartana non perdona liegen die Nerven blank. Der misslungene Teil des Films ist jedoch überstanden, und Balcázar inszeniert eine zwar sattsam bekannte, aber unterhaltsame Story mit ein paar netten Einfällen. Zum einen erweitert er die Ménage-à-trois um zwei wichtige Mitspieler, den Bauern und Bankräuber aus Not, José (Tony Norton [d. i. Alfio Caltabiano]), und den mexikanischen »bandido« Reyes (Tomás Torres). Zum anderen zeigt er so exquisit Bösartiges wie eine Duellvariante, die auf dem Prinzip des russischen Roulettes basiert, oder die gemeine Idee des »gunslinger« Kitchener, seinen Opfern vor deren Erschießung einen Katalog mit Sargmodellen vorzulegen.

Für die Neri fällt in ihrem neunten Western nur ein Röllchen ab – Auftrittsdauer: knapp sechzig Sekunden –, in welchem sie als namenlose Figur von Reyes’ Banditen als Geisel genommen und von einem der Scheusale sexueller Gewalt unterworfen wird. Sartana kann gerade noch eingreifen.

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Zur derivativen Anmutung von Sonora – so der spanische Originaltitel des Films – passt das eröffnende Lied, dessen Komponist, Francesco De Masi, seinen eigenen Song »Arizona Colt« fast als Reprise aufgreift. Der Text gibt mir ein paar Rätsel auf.

Maybe somewhere, maybe somebody
Will be able not to hate
Even his enemy, the one who killed
Killed his woman

Maybe this man will be so good
That with his hate he will forgive
But that man will not be him
Will not be him

Because he love[s], he loves so much
He adores his girl but she’s no more
He’ll weep for her
And his revenge will be
For a man he won’t forgive

Maybe somewhere, maybe somebody
Will be so good as not to kill
But that man will not be him ’cause he love[s] the other
His girl, his girl

Der Westernaficionado des Jahres 1969 durfte Rosalba Neri, im Juni dreißig geworden, lediglich in einem neuen Genrefilm seiner Wahl auf der Leinwand sehen. Neris im Vergleich zum Vorjahr deutlich geringere Präsenz entspricht der allgemeinen Produktivitätsminderung im Bereich der italienischen Western um circa fünfzig Prozent (vgl. 1968 hier und 1969 dort). Der Spaghettiwestern befand sich im Niedergang, die »Yukon Ho!«-Mentalität wich finanzieller Ernüchterung, die Meisterwerke des Genres waren gedreht (unter den zehn von der SWDb-Community zu den besten Italowestern gewählten Filmen ist kein einziger später als 1968 entstanden). Fast könnte man von einer posttoxischen Depression sprechen, in welcher sich der »western all’italiana« 1969 mit Schädelbrummen die Bettdecke über den Kopf zog.

Präzise zum Ausdruck bringt diese Katerstimmung Edoardo Mulargia in seinem düsteren und hoffnungslosen Abgesang La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io (Italien, Spanien; wörtlich: »Das Kopfgeld gehört dir … den Mann bringe ich um«), uraufgeführt am 23. Dezember 1969. Zum groben Inhalt des Filmes habe ich bereits dort ein paar Worte geäußert, ein längerer Aufsatz ist an dieser Stelle zu lesen.

In ihrem zehnten Western gibt Rosalba Neri wieder ein »upstairs girl«, wie man Sexarbeiterinnen im Wilden Westen euphemistisch bezeichnete. Die von ihr dargestellte Figur heißt Rosie, ihr Liebhaber ist ein »downcast gunman«, genannt »el puro« (Robert Woods), der die Schnauze so richtig voll hat. Während ihres ersten Auftritts hört Rosie sich wortlos und geduldig sein Lamento an – über die Scheißgegend, die Scheißleute, den Scheißalkohol, die Scheißangst, kurz: das Arschleben, vom Tod ganz zu schweigen. Nachdem »el puro« seine Elegie in Defätismus beendet hat – »fatigué par cette vie« –, spricht Rosie ihren ersten Satz des Filmes:

« Je te comprends. »

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Auch Rosie möchte ihr Leben verändern: Sie hofft, in einem Jahr genug Geld gespart zu haben, um von der Stadt aufs Land ziehen, eine Ranch kaufen zu können. »El puro« bietet sie an, mit ihr zu kommen. Seine Antwort erfahren wir nie.

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In ihrer vorletzten Szene wird Rosie das Opfer des grausamen Cassidy (Aldo Berti), eines Mitglieds der Bande von Gypsy Boots (Marc Fiorini), der »el puro« seit Jahren mit letaler Obsession verfolgt. Anstatt von Rosie zu erfahren, wo sich der Gesuchte befindet, bringt das miese Schwein Cassidy sie um: Brutal verprügelt er sie und rammt dann ihren Hinterkopf wieder und wieder gegen die Zimmerwand.

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Neri hat in La taglia è tua … l’uomo l’ammazzo io eine längere, zweigeteilte sowie eine ganz kurze und die Sterbeszene, bietet eine ruhige, eindringliche Darstellung – der Tod Rosies ist grässlich anzusehen –, und wie so oft endet ihre Rolle als leblos ausgestreckter Körper.

Es geht weiter im zweiten Teil mit den Jahren 1970 bis 1974.

7 Comments

  1. Den investigationsfaulen Lesern sei noch der Link zum Song nachgereicht:
    http://www.youtube.com/watch?v=xXpd1YKSbCc
    Ich zitiere: »Klong! Klong! Klong! Klong!«

  2. Für Karaokefans: Instrumentalversion von »Killer adios«:
    http://www.youtube.com/watch?v=kxYAz8CpdNs

    Und »Lunghi giorni«:
    http://www.youtube.com/watch?v=wZ848ngwTRQ

  3. Noch ein Nachtrag zu »Sartana non perdona«: In der deutschen (Kult-)Synchronfassung heißt Slim übrigens Sartana und Sartana Callado (= der Schweigsame). Noch verwirrter agiert wieder mal nur Tom Weisser – der sieht in Kirchner (auch in der deutschen Fassung konsequent und korrekt italienisch ausgesprochen, also »Kitschener«) den Mörder des Bruders und von dessen Frau. Fast unnötig zu erwähnen, dass es sich seiner Meinung nach bei diesem Bruder um den guten José (Tony Norton) handelt.

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