Proverbs for Paranoids, 3: If they can get you asking the wrong questions, they don’t have to worry about answers.

Überkandidelte Western und gschupfte Tragikomödien. Sergio Leone und Bertrand Blier im Solarium. Den roten Kopf holt sich Damiano Damiani.

Compañero W. und ich führen seit geraumer Zeit eine Liste, in welche wir die Eurowestern eintragen, die wir uns angesehen haben. Viele, viele Filme umfasst diese nach dem Uraufführungsdatum chronologisch geordnete Aufstellung mittlerweile; nach zartem Beginn mit den Jahren 1961 bis 1965 findet sich von 1966 bis 1972 unter jeder Jahreszahl zumindest ein Dutzend europäischer Wildweststreifen, meist weit mehr. 1973 dann der große Einbruch: nur Giuseppe Rosatis Campa carogna … la taglia cresce (Italien, Spanien, USA; „Lebe, Aas … das Kopfgeld wächst“), Giuliano Carnimeos Lo chiamavano Tresette … giocava sempre col morto, Italo Alfaros Sentivano uno strano, eccitante, pericoloso puzzo di dollari, Peter Collinsons The Man Called Noon (Spanien, Italien, UK) und Tonino Valeriis Il mio nome è Nessuno. 1974 bringt lediglich zwei Einträge: Carnimeos Di Tresette ce n’è uno, tutti gli altri son nessuno (Italien; „Tresette [‚Dreisieben‘, italienisches Kartenspiel] gibt’s nur einen, alle andren sind niemand“) und Gianfranco Baldanellos Dieci bianchi uccisi da un piccolo indiano. Unter 1975 sind gelistet Sergio Corbuccis Nadir Il bianco, il giallo, il nero (Italien, Spanien, Frankreich; „Der Weiße, der Gelbe, der Schwarze“), Lucio Fulcis I quattro dell’apocalisse (Italien; „Die vier der Apokalypse“), Enzo G. Castellaris Cipolla Colt (Italien, Spanien, BRD; „Zwiebelcolt“), Antonio Margheritis Take a Hard Ride (Spanien, USA, Italien) und zuletzt, uraufgeführt am 16. Dezember, Un genio, due compari, un pollo, eine italienisch-französisch-deutsche Koproduktion, deren Titel wörtlich übersetzt „Ein Genie, zwei Kumpane, ein [dummes männliches] Huhn“ bedeutet. Dem deutschsprachigen Kinopublikum präsentierte man den Film als Nobody ist der Größte und damit als Fortsetzung zu Mein Name ist Nobody. Dirigiert wurde er erstaunlicherweise von einem Regisseur, der bis dahin nur einen Western gedreht hatte – aus seiner Sicht keinen einzigen –: Damiano Damiani.

1974 sah Sergio Leone in Rom Bertrand Bliers transgressive Tragikomödie Les Valseuses und beschloss, daraus einen Western zu machen (wie Christopher Frayling in seiner Biografie Sergio Leone: Something to Do with Death berichtet [S. 363]). Denn nach dem ausgezeichneten kommerziellen Erfolg von Il mio nome è Nessuno wollte seine Produktionsgesellschaft Rafran Cinematografica natürlich eine Fortführung lancieren, und in I santissimi („Die Allerheiligsten“), so der italienische Titel von Bliers Film, glaubte Leone die richtige Geschichte gefunden zu haben. Les Valseuses wurden am 20. März 1974 in Frankreich uraufgeführt, und mehr Kinokarten verkauften dort in diesem Jahr nur Just Jaeckins Emmanuelle und der Disney-Zeichentrickfilm Robin Hood. In Italien hingegen waren I santissimi nicht sonderlich einbringlich.

Compañero W.s und meine Liste ist klarerweise nicht allumfassend, aber repräsentativ. Ab 1969 ging es mit dem Italowestern bergab, von 1970 an wurden fast nur mehr komödiantische Variationen gedreht, und spätestens 1975 war das Subgenre mausetot, was die auf dieses Jahr folgenden Einträge in unserer Aufstellung widerspiegeln: 1976 ein einziger Film, Keoma (Italien) von Castellari; 1977 noch Michele Lupos California (Italien, Spanien) sowie Sergio Martinos Mannaja (Italien; „Beil“). Und dann das Nichts, denn erst für 1987 folgt wieder ein Eintrag: Django 2 – Il grande ritorno (Italien; „Django 2 – die große Rückkehr“), dirigiert von Nello Rossati und neben dem Original von Sergio Corbucci aus dem Jahr 1966 die einzige Möglichkeit für das nicht deutschsprachige Kinopublikum, Franco Nero als Django zu erleben; für uns Germanofone gab er diese Rolle nolens volens oft und öfter, selbst lange nach dem Ende der Italowesternwelle: 1979 noch in Castellaris Dschungel Django (Originaltitel: Il cacciatore di squali [„Der Haijäger“]) und 1982 in Rainer Werner Fassbinders Django de Brest (auch: Leg ihn flach, Django!; Originaltitel: Querelle [„Zank“]), dessen Nero sich laut Peter Berlings Buch Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder schämte und den er verschwieg, was Fassbinder kommentierte mit: „Verklemmte Tucke!“ (S. 505) Die ebenso in Querelle auftretende Jeanne Moreau hingegen liebte R. W. F.

Les Valseuses war nicht Bertrand Bliers erster Film, aber jener, der ihn bekannt machte. 1939 in Boulogne-Billancourt bei Paris geboren, Sohn des Schauspielers Bernard Blier, hatte er in den 1960er-Jahren bereits drei Filme dirigiert, darunter den Schwarz-Weiß-Spionagekrimi Si j’étais un espion mit seinem Vater in der Hauptrolle, ehe er mit den Valseuses nicht nur seine eigene Karriere ein gutes Stück voranbrachte, sondern auch jene der Hauptdarsteller Gérard Depardieu, Miou-Miou und Patrick Dewaere. Die drei, damals Mitte zwanzig, verkörpern in den Ausgebufften (deutscher Schastitel) perfekt den anarchischen, aber apolitischen und unideologischen (Zeit-)Geist, den Bliers Film transportiert.

Depardieu und Dewaere als zwei rockstylish abgerissene Vorstadtstrizzis – lange Haare, schwarzes Lederblouson (G. D.), kurzärmliges, rot-grau-dunkelblau kariertes Flanellhemd über hellblauem Longsleeve (P. D.), zerschlissene Schlagjeans und ausgelatschte braune Stiefel oder Stiefeletten – biegen in ihrer ersten Szene mit einem Einkaufswagen um die Ecke einer „habitation à loyer modéré“ am Rand von Valence. Jean-Claude (Depardieu) kniet im Wagen, Pierrot (Dewaere) schiebt ihn – das Leben als Abenteuereinkaufstrip. Die beiden jagen eine nicht mehr ganz junge Frau mit fein frisiertem und rot koloriertem Haar die Rue Arthur Honegger hinunter, belästigen und begrapschen sie, fressen ihr eine Zimtschnecke weg und klauen ihr die Handtasche. Dargestellt wird die arme Alte von der vierundfünfzigjährigen Dominique Davray, die in ihrer fünf Dekaden umfassenden Karriere mit Regisseuren wie Jean Delannoy, Henri-Georges Clouzot, Henri Verneuil, Marcel Carné, Georges Lautner oder Robert Hossein arbeitete und meist in (kleinen) Nebenrollen zu sehen war, etwa als Gouvernante der Protagonistin in Agnès Vardas wunderbarem Nouvelle-Vague-Film Cléo de 5 à 7 (Frankreich, Italien 1962) oder 1976 in dem auf die Valseuses folgenden, wenig wunderbaren Blier-Streifen Calmos.

Jean-Claude bedrängt die Davray-Figur – der Traum seiner schlaflosen Nächte sei sie –, nennt sie Ursula, oh, Ursula, worauf sie in tragikomischer Manier entgegnet: « Je m’appelle pas Ursula ! » Wie sie denn heiße? « Suzanne. » Schnitt: Jean-Claude und Pierrot auf der Flucht, verfolgt von einer Meute HLM-Bewohner; Suzannes Handtasche werfen sie sich im Laufen gegenseitig zu. Schnitt: Die beiden sind entkommen und inspizieren den Inhalt des „sac à main“. « Quinze balles. Tu parles d’une conne ! » – « Elles se méfient, les salopes. » (Pierrot: „Fünfzehn Kröten. So eine Fotze!“ Jean-Claude: „Sie sind misstrauisch, die Schlampen.“) Mit dieser ersten Sequenz ist die Tonart auch des restlichen Filmes festgelegt.

Der Diebstahl von Suzannes Handtasche hat J.-C. eine Idee gegeben: ein Auto klauen oder vielmehr für eine kurze Spritztour „ausleihen“.

Willy Brandt trat kurz nach der Uraufführung der Valseuses infolge der Guillaume-Spionageaffäre als deutscher Bundeskanzler zurück

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Gedacht, getan, und als sie den Citroën DS zurückbringen, erwartet sie dessen Besitzer vor seinem Haarabschneiderladen, La Boîte à Tifs, mit einem Revolver in der Hand.

« Et alors ? Et maintenant ? … Regarde-moi ces deux terreurs ! … Pauvres petits cons. »

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Aus seinem Geschäft tritt seine „shampouineuse“ Marie-Ange (Miou-Miou [d. i. Sylvette Herry]), die er Jean-Claude und Pierrot als sein Sexspielzeug präsentiert. Pierrot versucht davonzulaufen, der Friseur schießt ihm von hinten zwischen die Beine, Jean-Claude schnappt sich Marie-Ange, und im Citroën DS können die drei entkommen. Sie fahren zu einem Kumpel, der eine heruntergekommene Autowerkstatt mit Schrottplatz betreibt. Den grauslichen Garagisten verkörpert mit Gusto Gérard Boucaron, der neben Miou-Miou als Einziger des Ensembles von Les Valseuses auch in Un genio, due compari, un pollo zu sehen sein wird; Italowesternerfahrung hatte Boucaron als „Bucaron Gerard“ bereits gesammelt in È tornato Sabata … hai chiuso un’altra volta! (Italien, Frankreich, BRD 1971; „Sabata [sabato = Samstag] ist wiedergekommen … du bist abermals erledigt [du hast abermals geschlossen]!“), Gianfranco Parolinis zweitem oder, wenn man will, drittem Sabata-Streifen nach Ehi amico … c’è Sabata, hai chiuso! (Italien 1969; „Heda, Freund … das [es] ist Sabata [sabato = Samstag], du bist erledigt [du hast geschlossen]!“) und Indio Black, sai che ti dico: Sei un gran figlio di … (Italien 1970; „Indio Black, weißt du, was ich dir sage: Du bist ein großer H…sohn“).

Gérard Boucaron in È tornato Sabata … hai chiuso un’altra volta!

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… in Les Valseuses

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… und in Un genio, due compari, un pollo

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J.-C. u. P. tauschen Marie-Ange und den DS bei ihrem Garagistenspezi gegen ein neues Auto, einen alten Dodge, und machen sich auf die Suche nach ärztlicher Behandlung für Pierrots blutende Wunde zwischen den Beinen. Zunächst finden sie nur Spezialisten für Endokrinologie und Otorhinolaryngologie, ehe ein Chirurg (Michel Peyrelon) und seine Frau (Éva Damien) Pierrot behandeln, dessen linke seiner beiden „Walzertänzerinnen“ leicht verletzt wurde („valseuses“: Argot für „Testikel“). Jean-Claude nützt die günstige Gelegenheit und knöpft dem Chirurgen Bruno sein gesamtes Bargeld ab, nachdem er die schlafenden Kinder des Arztehepaares als überzeugendes Druckmittel zur Herausgabe der Moneten ins Spiel gebracht hat.

Zurück in der Autowerkstatt: Der schmierige Töfftöfftandler hat inzwischen Sex mit Marie-Ange gehabt, beklagt sich aber, dass sie dabei komplett passiv gewesen sei, „la gonzesse“. Als sie sich anzieht, bemerkt Pierrot, dass sie keine Unterwäsche trägt. Marie-Anges Erklärung: Ihren Chef errege das. An diesem will sich Pierrot rächen und den Citroën DS mit angesägtem rechtem Vorderrad zurückgeben. Von Marie-Ange verabschieden sich J.-C. u. P. auf besonders herzliche Weise: Sie bitten sie, die Haare ihres Intimbereichs berühren zu dürfen – « toucher les poils de ton cul » –, denn es bringe Glück, etwas Schmutziges anzugreifen.

In einem Mammouth-Hypermarkt liefert Jean-Claude sich con brio ein Invektivenscharmützel mit dem Wachmann (Marco Perrin), ehe er seine Erwerbungen samt Einkaufswagen in den Dodge lädt und mit Pierrot abzischt. Eine gemütliche Jause auf der Terrasse eines Landgasthofes in der Nähe von Eymeux, rund dreißig Kilometer nordöstlich von Valence, stören zwei Motorradgendarmen. J.-C. u. P. hauen ab, lassen den Dodge zurück, klauen dafür zwei Landarbeitern die Fahrräder, anschließend einem anderen die Ente. An einer geschlossenen Bahnschranke wechseln die beiden „terreurs“ des Kleinbürgertums von dem Citroën 2CV in einen „autorail“. Im Schienenbus befinden sich nur zwei Passagiere, eine laktierende Mutter (Brigitte Fossey) und ihr Baby, auf dem Weg zu Ehemann und Papa in Militärdiensten. Jean-Claude bietet ihr Geld und nötigt sie, ihrem Kind weiter die Brust zu geben und anschließend auch Pierrot zu säugen.

Zwei glorreiche Halunken reiten das stählerne Ross

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Nach mehrmaligem Umsteigen gelangen J.-C. u. P. in einen verlassenen Badeort im Nordosten Frankreichs (realiter: Stella-Plage am Ärmelkanal, Region Nord-Pas-de-Calais), wo sie sich in einem unbewohnten Feriendomizil einnisten, die Unterwäsche des Backfisches des Hauses, Jacqueline, als Olfaktorium zweckentfremden – ah, das Bouquet! – und Analverkehr miteinander praktizieren, was Pierrot allerdings als erniedrigende Erfahrung beschreibt – eine Frau wolle er. Sie klauen ein BMW-Motorrad und kehren nach Valence zurück, genauer: in die Wohnung von Marie-Ange, wo sie mit der Shampoospezialistin Sex haben, was aber für alle drei wenig bis gar nicht befriedigend ausfällt.

Il cattivo, la buona, il brutto

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Jean-Claude und Pierrot rauben mit Marie-Anges Hilfe die Boîte à Tifs aus; allerdings schmeißt sie dabei die Nerven weg, und J.-C. schießt ihr ins Bein; die beiden Strolche lassen sie gefesselt zurück, hauen mit dem erbeuteten Bargeld ab, kaufen sich schicke Anzüge und versuchen dann beim Bowlen Sexualpartnerinnen zu finden – vergeblich. Erbost über diesen Misserfolg, aber nicht entmutigt, ersinnt Jean-Claude einen kühnen Plan.

In einem Café vis-à-vis dem Frauengefängnis im burgundischen Beaune (realiter) beziehen die beiden Pülcher Stellung und warten auf eine x-beliebige Haftentlassene: Denn welche Frau könnte ein größeres Verlangen nach heterosexuellen Aktivitäten verspüren? Eben. Zu ihrem Verdruss tritt aus dem Gefängnistor „une vioque“, dargestellt von der damals fünfundvierzigjährigen Jeanne Moreau. Jean-Claude gefällt sie, Pierrot nicht. Die drei fahren zum Strand von Luc-sur-Mer, Calvados, Normandie, speisen Meeresfrüchte und geben sich anschließend in einem Hotel der Liebe hin. Als Jeanne Pirolle, so der Name von Moreaus Figur, am Morgen erwacht, schießt sie sich mit einer Pistole zwischen ihre Beine, in ihre Vagina, um genau zu sein. J.-C. und P. türmen entsetzt und heulen sich bei Marie-Ange aus.

Mehr zum Tal der Tränen demnächst in diesem Theater.

Quellen und Referenzen

Bücher
Peter Berling, Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder. Seine Filme, seine Freunde, seine Feinde, Bergisch Gladbach: Lübbe, 1992.
Christopher Frayling, Sergio Leone: Something to Do with Death, London: Faber and Faber, 2000.
Sue Harris, Bertrand Blier, Manchester, New York: Manchester University Press, 2006 (2001).

DVD
Nobody ist der Größte, Unterföhring: Paramount Germany, 2005; Tonspuren in Deutsch und Englisch.

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