A screaming comes across the sky. It has happened before, but there’s nothing to compare to it now.

Ein Uhrwerkgorilla

Leider war Tonino Valerii schneller fertig als ich und ist ans Ende seines Lebens gekommen, bevor ich meinen Aufsatz über seine Filme beenden konnte. Valerii starb zweiundachtzigjährig am 13. Oktober 2016. Wir gehen ein halbes Leben zurück, einundvierzig Jahre: Am 14. November 1975 wurde Valeriis achter Spielfilm uraufgeführt, Vai gorilla („Geh, Gorilla!“; Italien), deutscher Titel: Der Gorilla, ein sogenannter „poliziesco“ oder abwertend „poliziottesco“, ein Polizeifilm.

Nach dem Versiegen des Western-„filone“ zu Beginn der 1970er-Jahre verlegte die italienische Filmwirtschaft kurzerhand die bewährten Geschichten und Figuren in ein neues Genre. Die Kopfgeldjäger und Revolverhelden fuhren nun Auto und Motorrad und kämpften nicht mehr in den staubigen Wüstenlandschaften Almerías, sondern in den dreckigen Stadtlandschaften italienischer Metropolen von Sterzing bis Syrakus. Diese italienischen Kriminalfilme wurden ebenso in Massen hergestellt wie zuvor die Wildweststreifen. Unter dem Entstehungsjahr von Vai gorilla, 1975, listet die italienische Wikipedia nicht weniger als dreißig „poliziotteschi“ auf. “[T]hey bore a close relationship to the far more popular western film. Actors, directors, scriptwriters, and others working in the cinema moved from one genre to the other quite effortlessly”, schreibt Peter Bondanella in seiner History of Italian Cinema (S. 453). Klar, dass auch Genreregisseur Tonino Valerii einen „poliziesco“ dirigierte.

Der römische Bauunternehmer Gaetano Sampioni (Renzo Palmer) wäscht sich in der ersten Einstellung von Vai gorilla vorsorglich die Hände: eine die andere und beide in Unschuld. Dass im Italien der 1970er-Jahre die Baubranche als Inbegriff staatlicher und privater Korruption galt, war gewiss nur der Missgunst böser Neider und linker Nestbeschmutzer geschuldet. Schließlich verdiente auch „Ritter der Arbeit“ Silvio Berlusconi seine ersten Lire im Baugewerbe. Sampioni liest erstaunlicherweise die linksliberale römische Tageszeitung Il Globo, aus deren Seiten ihm zu Beginn des Filmes ein Drohbrief entgegenfällt, flankiert von mysteriösen Anrufen. Man will ihn erpressen. Erzürnt stürmt Sampioni aus seinem Baustellenbüro ins Freie, wo er sogleich seine Arbeiter beschuldigt, hinter den Drohungen zu stecken. Die wissen nicht mal, wovon der Mann redet, und reagieren gelassen-abweisend. Ihre papiernen Schiffchenmützen sind zusammengefaltete Blätter der linken Zeitungen Lotta Continua und Il Manifesto.

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Wir brauchen eine Hauptfigur; die liefert uns Tonino Valerii in Gestalt von Marco Sartori, dem Gorilla, verkörpert von Fabio Testi, der 1975 in fünf Filmen zu sehen war, darunter Lucio Fulcis I quattro dell’apocalisse („Die vier der Apokalypse“; Italien) und Andrzej Żuławskis L’important c’est d’aimer („Das Wichtige ist zu lieben“; Frankreich, Italien, BRD). Marco hat früher als Stuntman gearbeitet, ist aber nach einem Unfall jetzt arbeitslos; daher inszeniert er die versuchte Entführung Sampionis und sich selbst als des Bauunternehmers Retter, um einen Job als dessen Leibwächter zu bekommen. Na gut. Im Film funktioniert das und lässt eine Parallele zu Testis Laufbahn erkennen, der 1966 im Filmgeschäft begonnen hatte als Double in Leones Il buono, il brutto, il cattivo („Der Gute, der Hässliche, der Böse“; Italien, Spanien, BRD, USA) und 1968 als Figurant in dessen C’era una volta il West (Italien, USA) zu sehen war. Der Studentenjob als Wegweiser zur Karriere.

„Es war einmal der Wilde Westen“ – Testi als wortloser Ungustl in Leones Chef d’Œuvre

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Es entspinnt sich eine etwas mühsame Story: Der unsympathische Sampioni wird nun wirklich bedroht, seine Frau (Giuliana Calandra) und seine Tochter Vera (Claudia Marsani) sind in Gefahr, er schickt sie weg, sie kommen wieder zurück. Sartori verknallt sich in Vera, Signora Sampioni setzt ihrem Gatten Hörner auf, Polizeikommissar Vannuzzi (Adriano Amidei Migliano) kriegt nix zusammen, Marcos Bruder Piero (Saverio Marconi) ist ein rechtes Früchtchen, Schwester Elisa (Maria D’Incoronato) führt den Haushalt, Berto (Antonio Marsina) die Erpresserbande, zu der auch Marcos alter Kumpel Ciro Musante (Al Lettieri) und der von Luciano Catenacci dargestellte Schießstandkapo gehören. Wildwestveteran Furio Meniconi (siebenunddreißig Western) ist in einer kleinen Nebenrolle zu sehen.

Marco kämpft um seine Integrität, den Schwindel vom Beginn des Films bereut er. Letztlich gelingt es ihm, in einer Reprise des finalen Duells aus Per il gusto di uccidere – Schuss ins Auge des Gegners durch dessen Zielfernrohr – den bösen Berto zu töten. Wer allerdings wirklich im Hintergrund die Knöpfe der Macht drückt, verrät uns Valerii nicht.

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Vai gorilla bietet solide Actionsequenzen, schablonenhafte Figuren und schreckliche Dialoge. Testi sieht gut aus, Renzo Palmer ist authentisch eklig; Al Lettieri – A Town Called Hell (Robert Parrish, UK, Spanien 1971), The Godfather (Francis Ford Coppola, USA 1972), The Getaway (Sam Peckinpah, USA 1972) – erlitt im Monat vor der Uraufführung von Vai gorilla eine letale Herzattacke; Claudia Marsani – in Valeriis Wahrnehmung “the insipid Claudia Marsani” (zit. n. Roberto Curtis Valerii-Monografie, S. 104) – beendete bereits 1976 weise ihre Kinokarriere. Der von Franco Bixio, Fabio Frizzi und Vince Tempera komponierte Italofunk-Synthiescore ist urgeil oder des Films verdrießlichster Zeitstempel.

Literatur
Peter Bondanella, A History of Italian Cinema (2009), New York, London: Bloomsbury, 2013.
Roberto Curti, Tonino Valerii: The Films, Jefferson/NC: McFarland & Company, 2016.

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