Il Mercenario - Italowestern von Sergio Corbucci

Ein Western, in dem sich ein Clown und ein sadistischer Schnösel in einer von Coca-Cola gesponserten Arena zum Duell gegenüberstehen, kann eigentlich nur von einem sein und ist gleichzeitig ein schöner Auftakt für eine neue Nerdistan-Serie: »Große Duelle des Italowesterns«, erster Teil, Sergio Corbuccis Il mercenario (Italien, Spanien 1968; wörtlich: »Der Söldner«, deutsche Titel: Die gefürchteten zwei und Mercenario, der Gefürchtete).

Der anarchisch-infantile, schlampige, aber auch geniale Sergio Corbucci bewies mit Il mercenario ein weiteres Mal, zu Recht als einer der originellsten und besten Regisseure des Genres zu gelten. Bildgewaltig in Szene gesetzt, erzählt sein Film die Geschichte eines unfreiwilligen mexikanischen Revolutionärs (Tony Musante als Paco Román), einer idealistischen Frau an dessen Seite (Giovanna Ralli als Columba), eines polnischen, moralisch zumindest indifferenten Söldners (Franco Nero als Sergei Kowalski) und eines skrupellosen Berufskillers (Jack Palance als Ricciolo [Curly in der englischen Version]). Immer wieder überrascht Corbucci dabei mit großartigen Bildern, umwerfenden Dialogen und wahnwitzigen Ideen.

Il Mercenario - Tony Musante

So einfach kann man den Kapitalismus anhand des Gesäßes einer schönen Frau erklären. Sergei zu Paco: »Stell dir vor, der Kopf, das sind die Reichen, die herrschende Klasse. Sie lassen alle anderen für sich schuften. Der Hintern dagegen, das sind die Armen, die Klasse der Besitzlosen. Wenn die Armen nun eine Revolution machen, dann wollen sie mit Gewalt erreichen, dass der Hintern neben dem Kopf ist.« Paco: »Ja, das wäre natürlich schön. Aber wie bringt man den Kopf und den Hintern zusammen?« Sergei: »So eine glückliche Kombination gibt es normalerweise nicht, weil der Rücken, der sogenannte Mittelstand, dazwischenliegt und die Harmonie stört.«

Oder die Szenen, in denen die mexikanischen Aufständischen mit dem Polen, dem sie fast die Huldigungen und Begünstigungen eines Königs zukommen lassen, durch die Wüste reiten. Ihm nur Schatten zu spenden reicht bald nicht mehr aus. Sie selbst verdursten zwar fast, verschaffen dem Herrn aber trotzdem eine kühle Dusche. Lapidare, aber durchaus logische Begründung, warum er die jetzt gebraucht hat: »Mir ist heiß.«

Il Mercenario - Franco Nero

Und noch ein nackter Hintern, diesmal der von Jack Palance. Lockenköpfchen Ricciolo, spektakulär und bedrohlich: »Wenn wir uns wiedersehen, bring’ ich dich um, Mexikaner!«

Il Mercenario - Jack Palance

Und dann natürlich diese Allegorie von einem Duell. Paco, der Revolutionär wider Willen, ist vor der mexikanischen Staatsmacht und deren Bütteln über die US-Grenze geflohen und verdient seine Brötchen als Clown bei Stierkämpfen.

Il Mercenario

Wir sehen, wie sich die Arena leert und nur der mit schickem mintfarbenem Westchen und riesigem Raumschiff-Enterprise-Hut herausgeputzte Paco zurückbleibt. Er sammelt seine Utensilien ein, als er plötzlich erstarrt und in das Gesicht eines alten Bekannten blickt. Vor ihm steht Ricciolo, ebenfalls tadellos in Schale geworfen, mit hohem Kragen, schwarzer Krawatte, schwarzem Sakko – und einer Miene voll lüsterner Erwartung.

Il Mercenario - Jack Palance

Die Handlanger, die Ricciolo mitgebracht hat, werden vom Polen erledigt, das tut seiner guten Laune jedoch keinen Abbruch. Auch dass jetzt Kowalski die Fäden in der Hand hält, scheint ihm egal zu sein. Es geht ihm nur darum, Paco kaltzumachen – darauf freut er sich.

Il Mercenario

Kowalski betritt die Arena zu den Klängen Ennio Morricones, des Meisters.* Wunderbar, wie das von Corbucci mit einer kleinen Verbeugung betont wird – »His Master’s Voice«.

Il Mercenario - Franco Nero

Sergei erklärt die Regeln: »Hallo, Ricciolo, so sieht man sich wieder. Aber vielleicht zum letzten Mal. Wenn du ihn töten willst, dann gib ihm die Chance, sich zu verteidigen. Jeder kriegt nur eine Patrone. Ihr stellt euch mit dem Rücken zueinander auf. Beim dritten Glockenschlag werdet ihr kehrtmachen und zu gleicher Zeit schießen. Los!«

Il Mercenario

Il Mercenario

Die Männer beziehen ihre Stellungen.

Il Mercenario

Die Geschichte Amerikas »in a nutshell«: im Hintergrund das Triptychon mit Eisenbahn, Coca-Cola und Automobil, in der Mitte, ebenfalls als Triptychon, die US-amerikanische Flagge, im Vordergrund der verkommene, aber proper hergerichtete Mörder und am Rand der Revolutionär als trauriger Clown.

Il Mercenario - Jack Palance

Nahaufnahme von Ricciolo. Man könnte ja glauben, dass sich da unterhalb des Bildes jemand an seinem Gemächt zu schaffen macht.

Il Mercenario - Tony Musante

Hier sieht das schon weniger erfreut aus.

Il Mercenario - Franco Nero

Der Pole, braun gebrannt, mit Strohhut und sowieso guter Laune.

Il Mercenario

Gleich geht’s los.

Il Mercenario - Tony MusanteIl Mercenario - Jack Palance

Peng!

Il Mercenario - Tony Musante

Paco fällt getroffen zu Boden …

Il Mercenario - Jack Palance

… sehr zu Ricciolos Freude …

Il Mercenario - Jack Palance

… die jedoch nicht lange anhält. Die sich rot verfärbende weiße Nelke verrät es – auch der lockige Sadist ist getroffen …

Il Mercenario - Jack Palance

… und zwar tödlich. Wie die zu einer Spritzblume gewordene Nelke klarmacht, war auch Ricciolo letztendlich nur ein Clown – eine kleine Marionette in einem großen Theater.

Paco Román überlebt das Duell, wird aber prompt von Sergei Kowalski an die Mexikaner ausgeliefert – es gibt ein hübsches Kopfgeld für ihn. Allerdings auch für den Polen selbst. Die beiden werden schließlich von Columba befreit.

Il Mercenario

Es folgt die Verabschiedung. Paco: »Ich habe meinen Traum, Pole. Du hast nie einen Traum gehabt.« – »Träume, Paco! Träume! Aber mit offenen Augen.« Wir schreiben 1968. Martin Luther King ist gerade erst ein paar Monate tot …

Anmerkung:
* Es ist übrigens die gleiche Melodie, die Quentin Tarantino in Kill Bill für das texanische Begräbnis gewählt hat.



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