‘I only took what his freedom is worth to him,’ explains Tchitcherine. ‘Where’s that pipe, now?’

Das Krebsjahr

Das Krebsjahr

»Zeig mal deine Wunde. Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.« – Joseph Beuys

Bei mir wurde im Mai dieses Jahres ein bösartiger Tumor auf der linken Niere entdeckt und erfolgreich entfernt, Christoph Schlingensief ist 2010 an den Folgen seiner Krebserkrankung verstorben. Ich bin jetzt einfach so anmaßend, seine Gedanken mit den meinen sicher nicht zu vergleichen oder gar auf mich umzulegen, aber doch ein wenig zu schauen, ob und wo es ähnliche Gefühle und Erfahrungen gab.

Obwohl ich mir So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung bereits einige Zeit vor meiner Diagnose gekauft hatte (einfach weil ich Christoph Schlingensief immer total gerne hatte), habe ich es erst jetzt, über ein halbes Jahr danach, gelesen. Alle Zitate stammen aus diesem Buch, wobei ich die Seite immer in Klammern angebe.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich im Zug nach Salzburg saß und mir ausmalte, was das für ein Drama geben würde, wenn ich meiner Mutter von dem Ding erzählen würde, wie ich mir vorgenommen hatte, ja nicht zu weinen zu beginnen und so fort. Doch dann lief das Ganze total wie in weiter Ferne ab, ja, sie hat sich nicht gefreut, aber irgendwie wirkte es fast so, als ob es ihr egal wäre, sie konnte es, glaube ich, einfach nicht fassen. »Werner, willst du noch einen Kuchen?«, fragte sie mich. Und bei Christoph Schlingensief lese ich jetzt: »[…] stopft sie wie eine Irre Kuchen in sich rein« (28), als er ihr von der Diagnose erzählte. Was ist das mit Müttern und Kuchen, wenn ihre Söhne ihnen von ihrem Krebs erzählen?

In den Wochen vor der Operation gab es den einen bestimmenden Gedanken: »Ich will, dass das Ding rauskommt.« (24) Auch für mich blieb es immer »das Ding« oder bestenfalls »das Scheißding«, ich wollte, dass es rauskommt. Auch wenn mir die Ärzte hundertmal versichert hatten, dass es noch total abgekapselt sei, alles gut gehen würde und ich danach normal weiterleben würde, war dieses Warten auf die OP geprägt von Grübeleien, Zweifeln und Selbstvorwürfen. »Aber das Schlimme ist, dass ich die guten, die wichtigen Momente oft nicht richtig genießen konnte, dass ich nicht kapiert habe, was das gerade für ein Glück ist.« (41)

Erklärungen der Ärzte, dass sie zwar versuchen würden, organerhaltend zu operieren, es aber überhaupt kein Drama wäre, wenn die Niere entfernt werden müsste, nahm ich mit Galgenhumor: »Super, auf die ganz leichte und nachhaltige ein paar Gramm abgenommen!« Christoph Schlingensief freut sich im Vorfeld der Operation darauf, ein Stückchen Brustwand durch Goretex ersetzt zu bekommen: »Das finde ich extrem schick. Das hat auch nicht jeder: Wenn man mal in den Regen kommt, dann bleibt die Stelle einfach trocken.« (79) Tja, so ein Scheiß beschäftigt einen da eben auch.

Als es endlich losging und ich im Krankenhaus eincheckte, war ich zwar aufgeregt, aber auch erleichtert und auch gleich einmal einem Lachanfall nahe: »Doktor Krebs«, waren die ersten Worte meines Zimmerkollegen; ich konnte nur mit Mühe ein: »Ich auch«, unterdrücken. Die Maßnahmen, die am Vortag der OP nötig waren, waren dann teilweise schon zumindest unangenehm (Sackhaarkontrolle, Einlauf und so weiter), aber wohl nötig und wirklich das geringste Übel an der ganzen Geschichte.

Dann die OP – und das Aufwachen. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen in der Lunge, mir war schlecht, und sowieso war ich total desorientiert. Aber die Ärzte gaben mir zu verstehen, dass alles nach Plan verlaufen sei. Irgendwie habe ich das sogar kapiert. In der Nacht habe ich dann nicht wirklich geschlafen. Einerseits piepst auf der Intensivstation immer irgendein Bett, andererseits war mir noch immer speiübel. Dies war auch die Nacht, in der ich anfing, mich wieder mit meinem Glauben auseinanderzusetzen. »Aber gestern Nacht konnte ich mich mit Jesus, Gott und Maria versöhnen und sagen: ›Liebt mich doch einfach ein bisschen, ich bitte darum.‹« (84) Die große Versöhnung gab es bei mir zwar noch nicht, aber es war ein Anfang.

In den nächsten Tagen fühlte ich mich dann zumeist ziemlich schlapp, freute mich über Besuche, war aber auch froh, wenn ich einfach nur schlafen konnte. »Wenn ich müde bin, dann bin ich einfach müde, basta. Dann gibt’s ein Nickerchen, und ich freue mich über die Entspannung.“ (91)

Obwohl alles super gelaufen ist, die OP erfolgreich war und mittlerweile auch die histologischen Befunde besagten, dass ich wieder gesund bin, begann jetzt die schlimmste Zeit. Mich hat das total aus der Spur geworfen. »Was da in mir passiert ist, was das bewirkt hat und noch bewirken wird, ist massiv. Das ist echt supermassiv. Nicht irgendein winziges Beben auf der Richterskala, wo nur ein Buch aus dem Regal gefallen ist. Sondern das ist in seiner ganzen Fragwürdigkeit, auch in seiner ganzen Einsamkeit, eigentlich nicht zu erklären.« (123)

Trotz der lieben Menschen in meinem Umfeld fühlte ich mich unendlich allein. So schrecklich allein mit meiner Wunde, mit meinen Gedanken, mit meinem Zorn und mit meinem Leben. Am schlimmsten war die Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Da ging dann dieser Rhythmus des Krankenhausalltags verloren, und ich war plötzlich total hilflos und allein in meiner Wohnung. Und natürlich ewige Gedanken, »ob da ein neuer Krebs kommt. Aber darüber soll man nicht nachdenken, sagen alle.« (99) »Und ich habe Angst davor, das weiß ich. Ich habe Angst, dass da noch was rumkreucht und nicht auszumerzen ist.« (100) »Auf jeden Fall werde ich versuchen, die kleinen Dinge zu genießen.« (102) »Also, ich möchte mich nicht mehr verteidigen, sondern mich einfach gerne haben, auch wenn ich keine Kraft habe.« (121)

Weil ich das nicht mehr ausgehalten habe, bin ich einfach wieder ins Büro gegangen. Eigentlich war ich zu schwach dafür, aber es war besser als daheim. Ich war natürlich müde, langsam und merkte, dass ich nicht überall mithalten und mitmachen konnte. »Man wird so ängstlich und schüchtern, man schämt sich fast, wenn man krank ist. Vielleicht weil man an dieser rasenden Gesellschaft nicht mehr teilnehmen kann.« (195) Dinge, die mir so viel bedeutet haben – so etwas Banales wie Radfahren –, waren in weiter Ferne. Und wenn ich mal ein paar Bier getrunken habe, erntete ich blankes Entsetzen, Unverständnis und Mitleid. Darauf reagierte ich mit noch mehr Zorn und wurde wirklich unausstehlich. »Es ist absurd, mit welcher Ungerechtigkeit kraftlose Leute manchmal unterwegs sind. Man neigt dazu, seine eigene Unfähigkeit durch die Erniedrigung anderer zu überdecken.« (242) Dass ich nicht komplett ausgerastet bin, verdanke ich der Geduld und dem Nachsehen der mir liebsten Menschen.

Irgendwann begann ich dann endlich zur Vernunft zu kommen. Es war eine schmerzhafte Erkenntnis. »Man muss vor allem aufpassen, dass man nicht immer den anderen die Schuld gibt.« (85) Einer der schönsten Sätze des Buches bringt es auf den Punkt: »Es gibt für mich etwas zu lernen und es gibt auch etwas daraus zu folgern. Es gibt die Aufgabe, Freiheit wahrzunehmen und neu zu definieren, es gilt wohl auch zu lernen, großzügiger zu sein.« (148) Das versuche ich jetzt, und es geht mir wieder gut! Klar gibt es noch immer Tage, an denen ich zu viel über das Ding nachdenke und ich Angst habe, aber das ist schon in Ordnung so. »Heute Morgen war ich auch wieder kurz traurig. Es schwankt zwischen Nicht-fassen-Können und einer gewissen Kühlheit oder auch Kühnheit.« (27)

Ein letztes Zitat, der letzte Satz des Buches: »Und jetzt fahren wir gleich los.« (255) Ich nehme diesen Satz für mich mit, als Aufmunterung, als Aufforderung, auch an beschissenen Tagen genau das zu tun, losfahren. Irgendwo geht’s dann schon hin. Ich hoffe, meine Fahrt wird noch etwas länger dauern als die von Christoph Schlingensief.

1 Comment

  1. Werner, ich finde es bemerkenswert, wie Du über Deine Krankheit und die Zeit im Krankenhaus schreibst und Parallelen zum Schlingensief herstellst. Auch ich mochte den immer sehr gern. Und es freut mich wirklich sehr, dass Du den Krebs besiegt hast … und das hast Du, da bin ich mir ganz sicher!

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