Would You Rather Be a Colonel with an Eagle on Your Shoulder, or a Private with a Chicken on Your Knee?

Sähe man sich Dove si spara di più von Gianni Puccini völlig unbefangen an, also ohne vorher über den Film gelesen zu haben, käme einem während der ersten Hälfte schwerlich der Gedanke, dieser Italowestern habe etwas mit William Shakespeares Romeo und Julia gemein. Der Plot entspricht dermaßen genregängigen Strukturen – zwei verfeindete Familien respektive deren Gefolgsleute befehden sich bis aufs Blut –, dass einem erst mit dem Auftritt der Figur der Giulietta das Lichtlein aufginge, Puccini treibe hier seine Späßchen mit Shakespeares Liebestragödie – und mit uns Zuschauern.

Die ersten vierzig Minuten von Glut der Sonne – so der deutsche Titel von Gianni Puccinis einzigem Western, einer italienisch-spanischen Koproduktion, uraufgeführt am 2. März 1967, wörtlich: „Wo man sich mehr erschießt“ – sind schnell nacherzählt: Im Kalifornien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liefern sich die Rancherfamilien Campos und Mounters einen erbitterten Territorialkampf. Die Wurzeln der einen liegen im Spanisch-Mexikanischen, jene der anderen im Angelsächsischen (womit Puccini historisch einigermaßen plausibel erzählt, denn Kalifornien war erst 1848, nach dem Ende des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges, an die Vereinigten Staaten gefallen; seine Stadt Rosswel gibt’s hingegen nicht, Roswell schon, aber nicht in Kalifornien, genauso wenig wie Alcántara). Die bösen Gringos haben Paco, den Lieblingsneffen von Señor Pedro Campos, so übel zugerichtet, dass er es auf seinem Pferd gerade noch heim zu „el rancho“ schafft und dann stirbt. Die beiden verfeindeten Familien beschließen daraufhin, ihre Fehde auszuschießen, und zwar unter der unparteiischen Aufsicht des pensionierten Friedensrichters Alfonso Castro (Zulassungsurkunde: 20. Januar 1852, Los Angeles).

Alfonso Castro, Bill Mounters (Luis Induni), Pedro Campos (Rufino Inglés)

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Die Campos-Leute locken die Mounters-Männer aber in einen Hinterhalt, töten viele von ihnen, und der schwache Castro lässt sich von „sceriffo“ Cooper erpressen, weil dieser weiß, dass der F.-Richter i. R. von Indianern abälardisiert wurde. Cooper wiederum ist verbandelt mit Rodrigo (Rod) Campos, Don Pedros ältestem Sohn. Bei einem Schießduell haben sich die Kugeln der beiden in der Luft getroffen und sind miteinander verschmolzen – Vorsehung für den offensichtlich abergläubischen „sceriffo“.

Der jüngste Mounters, Johnny, hat nicht an der Schießerei teilnehmen dürfen und zu Hause bei der Mama (Ana María Noé) bleiben müssen. Nach der Auseinandersetzung wird er von Rod gekidnappt, kann aber gemeinsam mit einem weiteren Gefangenen, Mr Left Gun, genannt Lefty, aus dem Rancho Campos entkommen. Mr Gun, ein ruppiger alter Gauner mit Metallhaken statt Hand rechts, unterrichtet den kleinen Johnny nun in den Dingen des Lebens. Wichtig für einen richtigen Mann seien: a) Frauen, b) Schießen, c) Saufen – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Das Ziehen und Schießen jedenfalls bringt Lefty Johnny bei. Als guter Revolverschütze müsse man kaltblütig und präzise wie ein Bankier sein (Kapitalismus) und die sechs Gebote des heiligen Colt befolgen (Katechese): Schieß zuerst! Schieß tödlich! Vorsicht vor falschen Toten! Vorsicht vor zweiten Pistolen! Einem Colt nie den Rücken zuwenden! Augen und Hand ruhig halten! (Vgl. die Lektionen des Frank Talby in Tonino Valeriis I giorni dell’ira.)

Bis jetzt hat uns Dove si spara di più Standardspaghettiwesternkost serviert. Auftritt María Cuadra (Vorspann: Quadra), die Rosalind verkörpert, eine abgeklärte Saloonsängerin mit möglichen Nebenverdiensten, und sich im Film vorstellt mit einem fürchterlich traurigen, fürchterlich schönen Lied, vorgetragen auf Spanisch, sparsam begleitet von Gitarre, Trompete und Klavier: „La muerte está con nosotros“ (wäre ich vor einigen Jahren mit Compañero W. in den Spanischkurs statt zum Branntweiner gegangen, könnte ich den Text hier wiedergeben; es geht aber auf jeden Fall um Großes, um die Liebe und „den Tod, der mit uns ist“). Szenenapplaus für Cuadra, die gut aussieht und spielt (und singt, nehme ich an).

Johnny Mounters (Peter Lee Lawrence [Vorspann: Arthur Grant]), Rosalind (María Cuadra)

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Rosalind verknallt sich in Johnny Mounters – der sich aber nicht in sie. Er will bloß seinem Freund Lefty entsprechen und sexuelle Erfahrungen sammeln (siehe Punkt a] weiter oben). Damit beginnt er, kommt aber nicht weit, weil Left Gun eine Postkutsche überfallen möchte, die für die Familie Campos Wertvolles transportiere.

Der halbe Film ist vorüber, in der Kutsche sitzt Giulietta Campos, Don Pedros Tochter; sie und Johnny sehen sich, und um beide ist es geschehen. Jetzt erst tritt die dramatische Vorlage für Dove si spara di più klar zutage, Romeo und Julia – im Wilden Westen. Gianni Puccini sowie seine Drehbuchautoren Bruno Baratti und die mysteriöse María del Carmen Martínez Román amüsieren sich ganz vorzüglich mit den Figuren des Meisters aus Stratford-upon-Avon. Wir erinnern uns: In Shakespeares Tragödie geht es um den Liebestod von Julia Capulet und Romeo Montague im Verona der Renaissance. Hintergrund für den Suizid der beiden sind die Streitereien ihrer Familien, die sich inniglich hassen, obwohl keiner (mehr) weiß, warum. Romeo trinkt Gift, Julia ersticht sich.

Bei Puccini wird aus der Familie Capulet (italienisch: Capuleti; spanisch: Capuleto) jene von Don Pedro: Dessen Sohn Rodrigo Campos entspricht dabei dem finsteren Tybalt, dem Neffen der Gräfin Capulet, denn in Shakespeares Schauspiel ist das einzige Kind der Eheleute Capulet Julia (englisch: Juliet; italienisch: Giulietta; spanisch: Julieta). Auf der anderen Seite fungiert Bill Mounters als Graf Montague (beide Namen haben etymologisch mit „Berg“ zu tun, wobei „Mounters“ ein reichlich seltsamer Einfall ist). Der junge Johnny übernimmt die Rolle Romeos, des einzigen Sohnes von Montague (italienisch: Montecchi; spanisch: Montesco). Wie über Shakespeares Bühne stolpern durch Puccinis Westernwüste und -kulissen wenig definierte Gefolgsleute beider Familien: Simson, Gregorio, Abraham et al. könnte man im jeweiligen Kreis der Camposens und der Mountersens recht beliebig zuordnen, wobei in Puccinis Version die Verwandtschaftsverhältnisse ohnedies nicht so ganz klar sind (Sohn, Neffe, Enkel oder Gefolgsmann; die deutsche Synchronfassung sorgt für zusätzliche Verwirrung – zugegeben, „il nipote“ kann „Neffe“ oder „Enkel“ bedeuten). Mit dabei sind aufseiten der Familie Campos etwa José Rubio und Glatzkopf Luciano Catenacci (Vorspann: Lewis Lawrence), auf der Gegenseite unter anderen Paolo Magalotti als Steve Mounters.

Wie in einem Vexierspiegel zeigt uns Puccini die shakespeareschen Figuren des Prinzen von Verona, Escalus; des Grafen Paris, eines Verwandten des Prinzen; sowie der beiden Freunde Romeos, Mercutio und Benvolio, Ersterer ein weiterer Verwandter Escalus’, Letzterer ein Neffe Graf Montagues. Aus Escalus, der wiederholt ohne Erfolg versucht, in der Familienfehde kalmierend einzugreifen, macht Puccini den Friedensrichter Alfonso Castro. Escalus sollte als Prinz von Verona zwar die Autorität besitzen, die Familien Capulet und Montague zum Frieden zwingen zu können, tatsächlich ist er aber machtlos und muss der Tragödie ihren Lauf lassen. Bis zum Ende des Dramas hat er wenig zu melden, dafür gehören dessen letzte Worte ihm: „Nur düstern Frieden bringt uns dieser Morgen; / Die Sonne scheint, verhüllt vor Weh, zu weilen. / Kommt, offenbart mir ferner, was verborgen: / Ich will dann strafen oder Gnad erteilen; / Denn niemals gab es ein so herbes Los / Wie Juliens und ihres Romeos.“ (Schlegel-Übersetzung, S. 368; wer sich fragt, was die Zeile: „Die Sonne scheint, verhüllt vor Weh, zu weilen“, bedeuten mag, dem sei das englische Original als Erklärungshilfe geliefert: “The sun, for sorrow, will not show his head.” August Wilhelm Schlegel war sich des Problems der Nachdichtung durchaus bewusst, wie das folgende, bisher unveröffentlichte Lamento aus seinem Nachlass belegt: „O Metrik, strenge Herrin, was tust du mir nur an, / In dein Korsett, dein enges, du mich quälst, / Auf dass frei schreiben nicht mehr ich kann / Und meiner Worte Sinn dem Leser du verhehlst. / Zum Schnalzen deiner blut’gen Peitsche / Übertrug Shakespeare ich ins Deitsche.“) Escalus’ politisches Unvermögen wird bei Puccini zur Impotenz des von Indianern kastrierten Alfonso Castr(at)o.

Graf Paris, den Julia nach dem Willen ihres Vaters heiraten soll, erscheint in Puccinis Variante als „sceriffo“ Cooper. In beiden Versionen ist Julia/Giulietta von der Aussicht, Paris/Cooper zu ehelichen, so angetan wie von einem Karbunkel am Arsch, zumal sie sich bei Shakespeare bereits heimlich mit Romeo Montague vermählt hat. Cooper ist auch wesentlich älter als Giulietta Campos, jenseits der vierzig, sie hingegen ein Backfisch. Shakespeares Text lässt keinen präzisen Rückschluss auf Paris’ Alter zu, Julia „hat kaum vierzehn Jahre wechseln sehn“ (Schlegel, S. 290). Das Schauspiel ordnet Paris der Capulet-Familie nicht so dezidiert zu wie der Film Cooper den Camposens. Das Verhältnis zwischen dem „sceriffo“ und Rodrigo Campos wurde von einigen Kommentatoren des Films als homosexuell beschrieben – vielleicht strebt Cooper eine Ehe mit Giulietta an, um ihrem Bruder Rod möglichst nahe zu sein.

„Sceriffo“ Cooper (Piero Lulli) als Graf Paris

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Romeos Kameraden Mercutio und Benvolio legt Gianni Puccini in der Figur von Left Gun zusammen, wobei dessen Charakter mehr auf Mercutio denn auf Benvolio verweist. Wie Mercutio hat Mr Gun eine große Klappe, und wie des einen Degen so sitzt des anderen Schießeisen locker. Benvolio ist besonnener, versucht im Familienstreit zu schlichten und dem zu Beginn unglücklich in die keusche Rosalinde verliebten Romeo Rat und Trost zu spenden.

BENVOLIO: Beschwor sie der Enthaltsamkeit Gesetze?
ROMEO: Sie tat’s, und dieser Geiz vergeudet Schätze.
[…]
BENVOLIO: Folg meinem Rat, vergiss, an sie zu denken.
ROMEO: So lehre mich, das Denken zu vergessen.
(Schlegel, S. 289 f.)

An der Figur der Rosalinde (im Original: Rosaline; italienisch: Rosalina; spanisch: Rosalinda) vollführt Puccinis Film eine seiner wesentlichsten Inversionen. Bei Shakespeare wird Rosalinde, eine Verwandte des Grafen Capulet, lediglich erwähnt, sie tritt niemals auf. Sie ist der Fokus von Romeos vertrottelter Schwärmerei, bevor er Julia trifft, dann hat er sie schnell vergessen. Puccini dreht alles ins Gegenteil: Er lässt Rosalind(e) sehr wohl auftreten – wie ein Jahr später auch Franco Zeffirelli in Romeo e Giulietta –, sie ist alles andere als keusch und enthaltsam, und nicht Johnny/Romeo verliebt sich in sie, sondern sie sich auf den ersten Blick in ihn. Er will Sex von ihr – „Erfahrungen sammeln“. Aus enttäuschter Liebe verrät Rosalind die geheime Romanze von Johnny Mounters und Giulietta Campos an deren Bruder Rod und wird so zur Auslöserin der kommenden tragischen Ereignisse.

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In Romeo und Julia treffen die beiden zukünftigen Liebenden erstmals bei einem Fest des Grafen Capulet aufeinander. „Vermummt in ein Fratze“, erblickt Romeo Julia und ist hingerissen: „Du sahst bis jetzt noch wahre Schönheit nicht.“ (Schlegel, S. 301) Puccini greift die Maskierung Romeos auf: Mit einem Halstuch verdeckt Johnny die untere Hälfte seines Gesichts, als er und Lefty die Postkutsche überfallen, in der Giulietta Campos und ihre Amme (Schlegel: „Wärterin“) sitzen, neben einem Priester und einem der skurrilsten Ehepaare des Italowesterns. Bei Shakespeare lauten die ersten Worte, die Romeo an Julia richtet: „Entweihet meine Hand verwegen dich, / O Heil’genbild, so will ich’s lieblich büßen. / Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich, / Den herben Druck im Kusse zu versüßen.“ (Schlegel, S. 302) In Dove si spara di più beginnt Johnnys und Giuliettas erstes Aufeinandertreffen mit seiner Aufforderung: „Händchen hoch, Kleine!“, worauf Giulietta aus ihrer Handtasche eine Pistole zieht und Johnnys Tuch aus seinem Gesicht schießt.

Giulietta Campos (Cristina Galbó [Vorspann: Calbo]) als Julia Capulet

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In der zweiten Hälfte folgt Puccinis Western recht getreulich den Ereignissen in Romeo und Julia. Die Campos-Familie gibt ein großes Fest, das Lefty und Johnny als sehr ungebetene Gäste stören. Natürlich darf die berühmte Balkonszene nicht fehlen (Shakespeares Text erwähnt lediglich ein Fenster). Bei Puccini fällt sie allerdings sehr kurz aus: Giulietta schießt erneut auf Johnny, diesmal mit einem Gewehr.

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Anschließend versteckt Giulietta Johnny aber vor den Männern ihres Vaters, und die beiden bekunden sich ihre Liebe. Die Szene endet in Puccinis Film mit Johnnys Worten: „Ich liebe dich“, in Schlegels Übertragung verabschiedet Romeo sich von Julia mit: „Schlaf wohn auf deinem Aug, Fried in der Brust! / O wär ich Fried und Schlaf und ruht in solcher Lust! / Ich will zur Zell des frommen Vaters gehen, / Mein Glück ihm sagen und um Hilf ihn flehen.“ (S. 311)

Der „fromme Vater“, Bruder Lorenzo, ein Franziskaner, meint ja alles gut, bloß schlagen seine Pläne fürchterlich fehl. Er traut Romeo und Julia – „Ich leide nicht, dass ihr allein mir bleibt, / Bis euch die Kirch einander einverleibt“ (Schlegel, S. 321) –, hilft Julia, der Eheschließung mit Paris zu entgehen, leider mit den bekannten fatalen Konsequenzen. In Dove si spara di più ist der Padre keine tragische Figur, sondern eine komische, mit Hingabe dargestellt von Ángel Álvarez in einer seiner lustigsten Rollen.

Der Padre (Ángel Álvarez) als Bruder Lorenzo

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Die Ereignisse spitzen sich da und dort zu: So wie bei Shakespeare der böse Tybalt Romeos Freund Mercutio ersticht, erschießt bei Puccini der grausame Rod Johnnys Mentor Lefty. Mercutio verabschiedet sich fluchend aus dem Drama: „[…] Zum Teufel eure Häuser! / Sie haben Würmerspeis aus mir gemacht. / Ich hab es tüchtig weg; verdammte Sippschaft!“ (Schlegel, S. 324 f.) Aber weder Tybalt noch Rod Campos können sich ihrer gewonnenen Auseinandersetzungen lange erfreuen, denn Romeo/Johnny hat jetzt genug und greift ein: „Nun flieh gen Himmel, schonungsreiche Milde! / Entflammte Wut, sei meine Führerin!“ (Schlegel, S. 325) Tybalt fällt im Fecht-, Rod im Schießduell.

Left Gun, genannt Lefty (Andrés [Vorspann: André] Mejuto), als Mercutio, liegend links; Rodrigo (Rod) Campos (Peter Martell) als Tybalt, ruhend rechts

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Romeo muss in die Verbannung nach Mantua, Johnny in Coopers Knast, aus dem ihn Rosalind, wohl geplagt von schlechtem Gewissen oder nicht erloschener Liebe oder beidem, mit einer List befreit. Allerdings lässt sie dabei ihr Leben – und wird somit zur tragischsten und glücklosesten Figur in Puccinis Film.

Den hirnverbrannten Plan von Bruder Lorenzo, Romeo und Julia wieder zusammenzubringen und Julias Heirat mit Paris zu verhindern, tilgt Puccini mit gutem Grund aus seinem Western. Zur Erinnerung: Wie von Lorenzo vorgeschlagen, trinkt Julia einen „Kräutergeist“, der sie „zweiundvierzig Stunden“ tot erscheinen lässt, dann soll Romeo, über diesen Plan durch einen Boten informiert, von Mantua nach Verona zurückkehren und Julia aus der Gruft mit sich nehmen. Romeo hat aber inzwischen aus Verzweiflung Gift für sich selbst gekauft, Lorenzos Bote, der unfähige Bruder Markus, kommt nie in Mantua an, Romeo glaubt Julia tatsächlich tot, vergiftet sich, sie erwacht, ersticht sich. Zuvor haben auf dem Friedhof Romeo und Paris gefochten – des Grafen vorletzte Worte: „O ich bin hin!“ (Schlegel, S. 361) Auch Johnny tötet Sheriff Cooper.

Andererseits hätte man von Ángel Álvarez als doofem Padre gern mehr in Puccinis Film gesehen. Die Szene, als Julia aus ihrem todähnlichen Schlaf in der Gruft erwacht – Romeo vergiftet, Paris erstochen, nur der gute Bruder Lorenzo schwingt noch Reden: „[…] eine Macht, zu hoch dem Widerspruch, / Hat unsern Rat vereitelt […]“ –, steckt voller grausiger Komik, zumal der Franziskaner schon wieder einen Plan hat, nämlich Julia in einem Kloster zu verstecken, „bei einer Schwesterschaft von heil’gen Nonnen“ (Schlegel, S. 364). Als er die herannahenden Wächter des Prinzen von Verona hört, lässt er Julia allein und verduftet. Sie erdolcht sich. Man kann sich Álvarez gut in dieser Szene vorstellen … „mit Laterne, Brecheisen und Spaten“ (Schlegel, S. 363).

In Dove si spara di più gibt es für Johnny und Giulietta gewissermaßen ein glückliches Ende, das jedoch, wie Kevin Grant in Any Gun Can Play festhält, “a perverse display of optimism” (S. 173) darstellt, denn während die beiden Liebenden davonkommen, massakrieren sich ihre Familien bis zum letzten Vasallen. Die Patriarchen Bill Mounters und Pedro Campos knallen sich aus kurzer Distanz gegenseitig ab – was an das Ende von Burl Ives als Rufus Hannassey und Charles Bickford als Major Henry Terrill in William Wylers The Big Country (USA 1958) erinnert, wo jedoch die beiden alten Deppen zumindest ihre Familien und Bediensteten aus der finalen Konfrontation herauslassen. Nicht so in Dove si spara di più – fast alle gehen drauf, und die paar Überlebenden der Schießerei erledigt der Tod, den Puccini in einer ganz großen theatralisch-existenzialistischen Geste als schwarz gekleideten Revolvermann mit Totenkopfmaske auftreten lässt. Die letzten Worte kommen aus dem Off und aus Shakespeares Hamlet: “Il resto è silenzio.”

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Karl Hyrenbach (d. i. Peter Lee Lawrence) und Cristina Galbó geben eine den Genre- und Zeitkonventionen entsprechende Interpretation von Romeo und Julia. Hyrenbach versucht cool und männlich zu sein, Galbó kess und aufmüpfig: Sie schießt zweimal auf ihn, er schlägt sie einmal ins Gesicht. Galbó, 1950 in Madrid geboren, war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst sechzehn, wurde später Hyrenbachs Frau und hatte mit ihm einen Sohn. Ein interessantes Zeugnis über ihre Ehe und Hyrenbachs frühen Tod liefert Galbó selbst auf Tom B.s Westerns … all’italiana!. Hyrenbach wirkte – zumeist unter dem Pseudonym Peter Lee Lawrence – von 1965 bis 1972 in siebzehn Italowestern mit. Sein erster Auftritt, den er in Leones Per qualche dollaro in più hatte, dauerte kaum eine Minute. In vier Western spielte er 1967 mit: Dove si spara di più war der erste; Julio Buchs’ unterschätzte Pat-Garrett-und-Billy-the-Kid-Geschichte El hombre que mató a Billy el Niño (Spanien, Italien; wörtlich: „Der Mann, der Billy das Kind tötete“; deutscher Titel: Sein Steckbrief ist kein Heiligenbild) der zweite; Alfonso Brescias I giorni della violenza der letzte. 1968 folgte etwa Killer adios von Primo Zeglio, 1969 Rafael Romero Marchents Garringo.

Erstaunlicherweise finden sich im Westerngenre gar nicht so viele Adaptionen von Werken Shakespeares. Delmer Daves’ Jubal (USA 1956) fiele mir ein, von Mary Lea Bandy und Kevin Stoehr in ihrer Studie Ride, Boldly Ride als “Othello on the range” bezeichnet und in eine Reihe mit Anthony Manns The Furies (USA 1950) und King Vidors Duel in the Sun (USA 1946) gestellt (S. 175). An letzteren Western sollte der deutsche Titel von Dove si spara di più wohl Assoziationen auslösen – Duell in der Sonne und Glut der Sonne. Eine Hamlet-Variation bietet Enzo G. Castellaris Quella sporca storia nel West (Italien 1968), „diese schmutzige Geschichte im Wilden Westen“, deutscher Titel: Django – die Totengräber warten schon, die Alex Cox in seinen 10,000 Ways to Die als “well made and postmodern” sieht (S. 222). Wie Romeo bei Puccini heißt auch Hamlet bei Castellari Johnny.

Lässt man den Shakespeare-Bezug außer Acht, ist Dove si spara di più kein wahnsinnig aufregender Italowestern, gewinnt aber nach der (Wieder-)Lektüre des zugrunde liegenden Dramas an Witz und Unterhaltungswert, hauptsächlich durch die Drehungen, Wendungen und Spiegelungen, die Puccini und seine Autoren an den Figuren des Originals vornehmen. Man wünscht sich, Puccini hätte auf der technischen Ebene etwas sorgfältiger gearbeitet – die vielen Schnitt- und Anschlussfehler lassen seinen einzigen Western schludrig und mit wenig Liebe zum Genre gedreht erscheinen. Schon der Einstieg in den eigentlichen Film – der Schnitt vom Vorspann auf die erste Szene – tut akustisch und visuell weh.

Wie in der richtigen Welt führen auch beim Italowestern alle Wege nach Rom, genauer: zu Sergio Leone, dem hier die Schlussworte zukommen sollen, entnommen Christopher Fraylings Sergio Leone: Once Upon a Time in Italy (S. 75):

SERGIO LEONE: At the time I was preparing my first Western, A Fistful of Dollars, in some ways I really felt like William Shakespeare. It occurred to me that William Shakespeare could have written some great Westerns!

CHRISTOPHER FRAYLING: Shakespeare. Why?

SERGIO LEONE: Because Shakespeare wrote some great Italian romances without ever having been to Italy – far better than the Italians did. Apart from the fact that a few people claim that Shakespeare really was an Italian [laughter].

Quellen und Referenzen

Den Titel dieses Aufsatzes habe ich übernommen von Charles Bukowskis gleichnamigem Buch aus dem Jahr 1979, auf Deutsch erschienen als Die Ochsentour.

Bücher
Mary Lea Bandy, Kevin Stoehr, Ride, Boldly Ride: The Evolution of the American Western, Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 2012.
Alex Cox, 10,000 Ways to Die: A Director’s Take on the Spaghetti Western, Harpenden: Kamera Books, 2012 (2009).
Christopher Frayling, Sergio Leone: Once Upon a Time in Italy, London: Thames & Hudson, 2008 (2005).
Kevin Grant, Any Gun Can Play: The Essential Guide to Euro-Westerns, Godalming: FAB Press, 2011.
William Shakespeare, „Romeo und Julia“ (um 1595; übersetzt von A. W. von Schlegel), in: ders., Sämtliche Dramen. Band III: Tragödien, München: Winkler, 1988, S. 281–368 (nach der dritten Schlegel-Tieck-Gesamtausgabe von 1843/1844).

DVD
Glut der Sonne, Koch Media Western Collection Nr. 10, 2008; Tonspuren in Deutsch und Italienisch.

World Wide Web
Archivio del cinema italiano dell’ANICA
Internet Movie Database
The Spaghetti Western Database

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