I crudeli - Italowestern von Sergio Corbucci

Sergio Corbucci, äußerlich robuster, kreativ schwanker Maestro des »western all’italiana«, macht durch seinen sechsten Genrebeitrag klar, wie verlassen der Wahnsinn sich in der Wüste von Tabernas fühlt, wenn das Genie schon zum Skiurlaub in Cortina d’Ampezzo weilt. Mit I crudeli (Italien, Spanien; uraufgeführt am 2. Februar 1967; zu Deutsch: Die Grausamen; englischer Titel: The Hellbenders) liefert er einen guten Italo-, aber nur mäßigen Corbucci-Western, klasse gefilmt von Enzo Barboni, mit dem er hier wie bereits bei Massacro al Grande Canyon und Django zusammenarbeitet.

Nach dem Ende des amerikanischen Sezessionskrieges im Mai 1865 kreuzen sich in der texanischen Wüste die Wege zweier wunderlicher Transporte: Der eine, bestehend aus einer schwarz gekleideten, verschleierten Frau und einem jungen Mann auf einer Kutsche, spediert einen Sarg. Der andere, drei von einer Abteilung Unionskavalleristen eskortierte Wagen, befördert eine große Menge Banknoten. Im Sarg des einen liegt jedoch nicht wie vorgegeben die Leiche des bei der Schlacht von Nashville im Dezember 1864 gefallenen Konföderationshauptmannes Ambrose Allan, sondern ein Patronengurt, der Waffenrock eines Obersten der Confederate States Army, zwei Gewehre und Hochprozentiges für Kitty, die falsche schwarze Witwe. Noch seltsamer der Behuf des anderen, klargemacht im ersten Dialog des Films. Sagt Sergeant John Doe: “Sure hurts me to think of all that money winding up in an oven, same as kindling.” Antwortet Lieutenant Richard Roe: “Simple. Government wants new notes, gotta burn up the old ones.” Sgt. JD: “I don’t care how old they are. I’d take ’em.” Und indessen werden in einem der Wagen eifrig Seriennummern notiert: “What serial number you at?” – “I’ve checked over a million three hundred fifty thousand dollars so far.” – “Two hundred thousand to go.” Toller Job, zumal die Noten so alt nicht sein können, da Papiergeld in großen Mengen erst mit Beginn des Bürgerkriegs in den (nicht mehr) Vereinigten Staaten in Umlauf gebracht wurde. Auch drängt sich die Frage auf, warum man die Scheinchen von A nach B transportieren muss, anstatt sie sofort vor Ort und Stelle zu verbrennen. Die Antwort kennen nur die Sesselfurzer in Washington und die Drehbuchschreiber Albert Band und Ugo Liberatore.

Als Lieutenant Richard Roe und Sergeant John Doe Kostümwitwe Kitty (María Martín) und Begleiter Ben (Julián Mateos) befragen, was sie denn in der Wüste so treiben, geben die beiden vor, den Leichnam von Kittys gefallenem Gatten zur heimatlichen Ranch bringen zu wollen. Wo diese liegt, erwähnen sie nicht, erstaunlicherweise weiß das aber Lt. R. Roe: in Neumexiko (»additional dialogue«: Louis Garfinkle). Von Nashville, Tennessee, über Arkansas und Mississippi durch Texas (Denton, Sundown) nach Hondo, New Mexico, zweitausend Kilometer, eine fast vierwöchige Reise: “Godspeed!”

Bens Halbbrüder Nat (Ángel Aranda) und Jeff (Gino Pernice) und der gemeinsame Vater Jonas (Joseph Cotten) bereiten sich derweil per Gebet auf ihre bevorstehenden schändlichen Taten vor: Bei Torrid Junction werden sie, spirituell ermächtigt, den Banknotentransport überfallen, alle Soldaten töten. Denn Ex-CSA-Oberst Jonas hat nicht nur einen Plan – das gestohlene Geld soll im Sarg befördert werden, als Tarnung die falsche Witwe dienen –, sondern auch eine Vision: Die Südstaaten will er erneut in den Kampf führen. »Deo vindice«, der liebe Gott wird’s schon richten. (In seiner Studie Radical Frontiers in the Spaghetti Western: Politics, Violence and Popular Italian Cinema [London, New York: I.B.Tauris, 2014] sieht Austin Fisher I crudeli in “a narrative tradition stretching back to Thomas Dixon and Thomas Nelson Page of depicting Confederates who are faced with the death of their way of life, bewildered by the rapidity of change. This ‘Lost Cause’ motif is faithfully reconstructed in I crudeli {…}.” [S. 60]) Im Krieg hat Colonel Jonas ein Regiment namens The Hellbenders kommandiert, benannt nach dem Schlammteufel (Cryptobranchus alleganiensis), einem völlig harmlosen, nachtaktiven Riesensalamander, der hauptsächlich im Wasser lebt. Rette sich, wer kann, die Schlammteufel kommen? – Hm. Besser als Pudelbrigade, Karnickelkompanie, Regenwurmregiment oder Dackeltruppe.

Der Vater ist mit seinen drei Söhnen vereint, das Geld im Sarg, hü und hott, auf zur Heimreise mit Hindernissen, und deren gibt es zahlreiche, sozusagen: ad nauseam. So hat man sich ständig mit lästigen Yankeesoldaten herumzuschlagen (mehr als tausend suchen nach den Killern von Torrid Junction); eine aggressive Schlange zu töten, welche die Pferde durchgehen lässt; einen Sheriff und dessen »posse« zu überlisten; eine defekte Deichsel zu reparieren; frischen Proviant zu besorgen; sich mit mexikanischen Banditen zu schießen (Aldo Sambrell und das Motto des Films: “I will see you in hell, amigo!”); an Indianern vorbeizukommen; einen betrügerischen Bettler auszuschalten, der vom Toronter Al Mulock verkörpert wird und den Toten, der sich ja gar nicht im Sarg befindet, in einer weitaus günstigeren Situation als sich selbst wähnt: “That feller in the coffin, he’s better off than me. He’s got a roof over his head. Anybody kicks him gets a sore foot.” Dieser Bettler, so Alex Cox in seinen 10,000 Ways to Die (Harpenden: Kamera Books, 2012), sei ein Symbol für Corbuccis pessimistische Sicht des Wilden Westens: “[The] filmmaker […] exposed a […] grisly personal frontier: no paradise or place of possibilities, but a parched hideout for malevolent loners, driven by demons, on the run from hideous pasts.” (S. 164)

Und tatsächlich erweisen sich die äußeren Widrigkeiten, mit denen Jonas, Sprösslinge und Pseudowitwe zu kämpfen haben, als vergleichsweise unschädlich; weitaus zersetzender sind die Zwistigkeiten und Brüche innerhalb der eigenen Familie beziehungsweise Gruppe. Zunächst einmal Kitty: Die säuft und ist unberechenbar und unzuverlässig. Als sie sich mit dem Wagen aus dem Staub machen will, ersticht Jeff sie. Jetzt braucht man eine neue falsche Ruth Allan. Wird besorgt von Ben in Denton, Texas. Die Unglückliche heißt Clare, dargestellt von der im Oktober 2013 verstorbenen Brasilianerin Norma Bengell, und diese dritte Mrs Ambrose Allan verfügt doch tatsächlich über so etwas wie moralisches Empfinden und erweist sich als äußerst renitent – umso mehr, als sie eine abgebrühte Pokerspielerin ist –, denn was Jonas plant und tut, findet sie gar nicht gut. Sein hypokritisches Blabla ist ihr »superbia«, in seinen Söhnen Nat und Jeff erkennt sie rasch »avaritia« und »luxuria«. Bleibt Ben, der Entwicklungsheld der Grausamen, der sich gegen dieses Todsündentriptychon abarbeiten muss. Seiner Familie hat er sich nie wirklich verbunden gefühlt, von ihr lösen kann er sich auch nicht: “No, honey, I got no home … ’cept where you are.” Clare und er fallen in Liebe – “the first credible romance in any of [Corbucci’s] films” (Cox, S. 163).

Mit Fortdauer der Reise wird Ben wider Willen klar, dass sein Vater und seine Halbbrüder Eigenschaften und Verhaltensweisen repräsentieren, die er verabscheut. Howard Hughes schreibt in Once Upon a Time in the Italian West (London, New York: I.B.Tauris, 2012) über die zögerliche Wandlung Bens: “For much of the film he is as obsequious as his brothers. But he is the pacifier, keeping the balance between his father’s obsessions and their unpredictability. […] Ben’s brief relationship with Clare sets him apart from his brothers, who are incapable of such alliances.” (S. 141 f.) Albert Band und Ugo Liberatore breiten Bens Dilemma und Bewusstwerdung auf katholischem Grund aus: Bis auf Jeffrey geben sie ihren Hauptfiguren biblische Namen – Nathan, Jonas und Benjamin –, führen an ihnen Hochmut, Habgier und Wollust als Sünden vor. Ben geht beinahe zugrunde, wird fast ausgelöscht, emotional und körperlich.

Zwei Spanier, ein Mailänder, ein Virginier in der Hitze des Latiums und des Moments: Julián Mateos (Ben), Gino Pernice (Jeff), Joseph Cotten (Jonas), Ángel Aranda (Nat)

Crudeli_002

Crudeli_004

Das Ende ist Scheitern und Tod für Jonas, Nathan und Jeffrey – man sieht sich in der Hölle –, ein wenig Hoffnung hingegen für Clare und Benjamin, lädiert, aber am Leben. Die letzten Trompetentöne der von Ennio Morricone (als Leo Nichols) geschriebenen und dem römischen Jazzer Nunzio Rotondo geblasenen »marche funèbre« versinken mit der Hellbenders-Fahne im Río Hondo.

Crudeli_003

Nachsatz: Der Titel dieses Textes ist natürlich ein Zitat aus Federico Guglielmo Nices Al di là del bene e del male (Italien, Spanien 1966), im deutschsprachigen Raum veröffentlicht als Die letzte Rechnung zahlt der Teufel. »Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein«, resümiert der daseinsmüde Überkopfgeldjäger Will T. Power in der synchronisierten Fassung des Films.

1 Comment

  1. Großartig finde ich die Idee von Corbucci und Barboni, das Motiv der Riesensalamander am Ende des Filmes noch einmal aufzugreifen: Der gute alte »pa« windet sich über den getrockneten Schlamm zum Wasser und wird dabei von Clare und Ben beobachtet, die sich auch nur noch kriechend fortbewegen können – menschgewordene »hellbenders«, Schlammteufel. Und über die Beziehung Bens zu seinem Vater werden wir uns wohl bei einem Menü unterhalten müssen.

Leave a Reply

19 + eins =